Mit „Maud“ über das Polarmeer / Med „Maud“ over polhavet (Odd Dahl, 1926)

Die Geschichte von Roald Amundsens Expeditionsschiff „Maud“ ist die Geschichte eines Scheiterns: 1918 versuchte der Polarforscher, mit der „Maud“ den Nordpol zu erreichen. Sein Plan war, ähnlich wie es sein Landsmann Fridtjof Nansen mit der „Fram“ versuchte, sich in der östlichen Region des Arktismeeres vom Packeis einschließen zu lassen und darauf zu setzen, dass ihn die Drift über den Nordpol bis nach Alaska treiben würde. Das Vorhaben wurde zum Debakel: 1918 fror die Expedition an der sibirischen Küste ein, auch im nächsten Jahr kam man nicht weiter. 1920 strandete Amundsen schließlich in Alaska, nachdem er die Nordostpassage durchsegelt hatte. Das war eine schöne Tour, aber natürlich nicht das, was er eigentlich wollte.

Er verlies das Unternehmen daraufhin und versuchte, in Europa Gelder für die Fortsetzung der Expedition zu sammeln. Mannschaft und Schiff blieben in Alaska zurück. Die Junkerswerke in Dessau stellten ihm schließlich ein Flugzeug zur Verfügung, mit dem er von Alaska aus den Nordpol überfliegen wollte, um in Spitzbergen zu landen. Doch schon beim Hinflug nach Alaska stürzte das erste Flugzeug ab und auch ein Ersatzflugzeug brachte ihn nicht zum Ziel.

Mit „Maud“ über das Polarmeer / Med „Maud“ over polhavet nimmt daher schon alleine deshalb eine besondere Stellung ein, weil der Film eine Amundsen-Expedition begleitet, in der Amundsen selbst, – der auf seinen Reisen immer zwecks medialer Selbstvermarktung eine Kamera dabei hatte, – kaum eine Rolle spielt und durch Abwesenheit glänzt.

Mit „Maud“ über das Polarmeer war im Rahmen der Retrospektive „Spitzbergen und der Weg zum Pol“ bei den 55. Nordischen Filmtagen Lübeck zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt im November 2013 existierte der Film eigentlich noch gar nicht. Die Norwegische Nationalbibliothek in Oslo restaurierte ihn aufwendig und stellte zum Screening eine erste Arbeitsfassung zur Verfügung. Was in dieser vorläufigen Version verblüfft, ist der ausgeprägte wissenschaftliche Anspruch, den der Regisseur Odd Dahl – eigentlich ein Physiker und Pilot – verfolgt: Geräte und Abläufe werden für die damalige Zeit sehr ausführlich erklärt, die Naturkraft des Packeises, das die „Maud“ zu erdrücken droht und eine große Gefahr für das Schiff darstellt, wird anschaulich ins Bild gesetzt. Überhaupt überrascht die Kameraarbeit mit einigen ungewöhnlichen Einstellungen, u.a. der Fahrt von einem Hundeschlitten aus, knapp über dem Boden positioniert und rasant gefilmt.

Das Material, aus dem Mit „Maud“ über das Polarmeer montiert wurde, entstand in den vier Jahren zwischen Amundsens Verlassen der Expedition im Juli 1922 und der Heimkehr des Schiffes 1925. Für einen 87 Jahre alten Dokumentarfilm eines unerfahrenen Kameramanns und Regisseurs, der in Abwesenheit des Gesamtleiters drehen musste, ist das Ergebnis technisch und dramaturgisch mehr als bemerkenswert. Mit gemischten Gefühlen betrachtet man aus heutiger Sicht allerdings das Jagen und Schlachten von Walrössern (einmal auch von einem Eisbären), das drastisch mit der Kamera festgehalten wird, ebenso wie den Blick auf den riesigen Müllberg, den die Besatzung zurücklässt, nachdem sie das Schiff aus dem Packeis befreien konnte.

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