Movie Days / Bíódagar (Friðrik Þór Friðriksson, 1994)

In den frühen 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist noch alles anders: Fernseher sind ein Luxusgut, das sich nur wenige leisten können. Und wer einen hat, muss damit rechnen, dass sich die Nachbarskinder am Wohnzimmerfenster die Nasen plattdrücken, um einen Blick zu erhaschen. Die meisten Familien versammeln sich abends vor dem Radio, um sich unterhalten zu lassen, und wer als Jugendlicher in diesen Zeiten jenseits des Internets pornographisches Material konsumieren will, muss den Nachbarn beim Ausüben seiner ehelichen Pflichten ausspionieren.

Für den zehnjährigen Thomas ist das Reykjavik des Jahres 1964 ein großer Abenteuerspielplatz, auf dem er sich mit seinem älteren Bruder vergnügt und die Fantasie am liebsten von seinen Erlebnissen im Kino anregen lässt. Sei es mit der ganzen Familie im seriösen Bibelepos, oder – viel besser noch – mit seinen Klassenkameraden beim Cowboy-Film in der Nachmittagsvorstellung. Wenn gerade kein Film läuft, gibt Thomas mit dem Diaprojektor seine eigene Vorstellung. Und wenn er in den Ferien auf dem Land bei Onkel und Tante festsitzt, erzählt er seinem Onkel die Filme nach, die er gesehen hat.

Friðrik Þór Friðriksson ist ein Geschichtenerzähler, und vieles, was er in Movie Days / Bíódagar erzählt, hat er selbst erlebt. Dass sein Film autobiographisch gefärbt ist, daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Als Friðriksson Movie Days 1994 drehte, war er 40 Jahre alt. Ein Mann in der Mitte seines Lebens, sozusagen. Dass man in diesem Alter einen sentimentalen, vielleicht etwas verklärten Blick auf die eigene Kindheit zurück wirft, sei gerade ihm, der Island erst auf der Weltkarte des Kinos einen Platz gegeben hat, gegönnt.

So zeichnet sich Movie Days weniger durch eine klare Erzählstruktur aus, als vielmehr durch die Vielzahl anekdotenhafter Episoden, die der Regisseur aus seiner eigenen Erinnerung erzählt. Das ist anrührend und von seinem kleinen Alter Ego Örvar Jens Arnarsson als Thomas stark gespielt. Doch es wird nie gefühlsduselig und Friðriksson behält stets einen trockenen, etwas distanzierten Humor, der dem Film gut tut. Eine schöne, unterhaltsame Reise in die Vergangenheit, die auch das soziale Milieu des Reykjaviker Vororts anno 1964 genau zeichnet und Probleme nicht verschweigt.

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