Tromsø International Film Festival (TIFF) 2017

Das Tromsø International Film Festival (TIFF) stand schon seit Jahren auf meiner Liste jener Filmfestivals, die ich unbedingt einmal besuchen wollte. Bislang hatte es nie geklappt, nicht zuletzt aus Gründen der Entfernung und der Kosten, die mit einer Reise jenseits des Polarkreises in den Norden Norwegens verbunden sind und die Dir als freier Journalist von niemandem getragen werden. Dass es dieses Jahr endlich geklappt hat lag daher auch an einer Abkehr von meinen Grundprinzipien, nach denen ich aus einem Festival finanziell zumindest mit einer Schäuble’schen Null herauskommen will. Stattdessen habe ich meine Frau ins Handgepäck gepackt und den Festivaltrip mit einem Kurzurlaub verbunden. Herausgekommen ist dadurch eine Mischung aus traditionellen stressigen Festivaltagen und klischeehaftem, aber charmantem Touri-Programm.

Meine langjährige Tromsø-Neugier liegt natürlich in erster Linie in der geographischen Lage des Ortes begründet. Alles hier ist am nördlichsten: nördlichste Universität der Welt, nördlichste Bierbrauerei der Welt, nördlichstes Filmfestival der Welt. Dazu auch noch Mitte Januar terminiert, also knapp nach Ende der Polarnacht, wenn die Tage extrem kurz sind und das Wetter wunderbar garstig. Als ich um 10 Uhr ins Kino ging, wurde es gerade hell, als ich um 13 Uhr raus kam, war es schon wieder dunkel. Zudem gibt es im Stadtzentrum ein Festival-Open Air-Kino. Alleine die Vorstellung, im Januar in Tromsø im Freien zu sitzen und einen Film zu schauen, ließ meine Vorfreude vor dem Abflug ins Unermessliche steigen. Leider musste jenes Open Air-Screening, das ich mir anschauen wollte, gecancelt werden. Aber der Grund dafür war auch wieder super: Der Schneesturm hatte die Leinwand weggefegt!

Nowhere to hide
Nowhere to hide ©TIFF

„Frozen Land – Moving Pictures“ lautet der überaus passende Claim des Tromsø International Film Festival, dessen Programm zwölf Sektionen umfasst. Neben dem Wettbewerbsprogramm, in dem sowohl von einer Festival- als auch einer Jury der Kritikervereinigung FIPRESCI Preise vergeben werden, stehen vor allem die „Norwegischen Horizonte“ im Fokus. Hier waren einheimische Produktionen zu sehen, die allesamt norwegische Premieren und teilweise auch Weltpremieren waren. Herausragend war dabei Zaradasht Ahmeds Dokumentarfilm Nowhere to hide, der die Entwicklungen im Nordirak nach dem Abzug der Amerikaner am Schicksal eines Sanitäters und seiner Familie nachzeichnet. Ahmed stammt selbst aus der Region und kam 1995 nach Norwegen. Sein tief bewegender Film hallt noch lange nach und wird an dieser Stelle auch noch ausführlicher besprochen werden.

Sealers
Sealers ©TIFF

Ein Publikumsrenner war Sealers – one last hunt / Ishavsblod. Der Dokumentarfilm begleitet ein Boot mit Robbenjägern auf ihrer womöglich letzten Fahrt, nachdem die norwegische Regierung 2015 das Jagen von Robben in heimischen Gewässern nach 200 Jahren verboten hat. Für den Film wurde viel Werbung gemacht, auf der Presseparty wurden kleine Häppchen Robbenfleisch gereicht (schmeckt wie Lachs) und das Interesse war beim einheimischen Publikum sicher nicht zuletzt deshalb so groß, weil man sich hier in besonderem Maß mit den Fischern identifizieren kann. Ich jedoch habe mir Sealers nicht angesehen, auch wenn er mich aufgrund der Kameraarbeit durchaus gereizt hätte. Mein Problem war jedoch der melancholische Unterton, mit dem er allerorts angekündigt wurde. Ich wollte mir – journalistisch unprofessionell, aber egal – keinen Film ansehen, in dem das Jagen und Töten von Robben als etwas Romatisches verklärt wird. Vielleicht habe ich dem Film damit unrecht getan. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich Sealers auf anderen Festivals präsentiert, auf denen das Publikum der Materie gegenüber nicht von vornherein so wohl gesonnen ist (Sealers gewann den Publikumspreis des TIFF).

Podiumsdiskussion über Zensur © A. Dehn
Podiumsdiskussion über Zensur © A. Dehn

Die Nebensektionen hatten einige Highlights zu bieten: Das Programm „Sapmi 100“ erinnerte an einen Meilenstein der samischen Identitätsfindung vor genau 100 Jahren, als es in Trondheim zum ersten samischen Abkommen kam. Zur Erinnerung daran wurden in Tromsø vier samische Filme gezeigt, darunter als Filmkonzert mit neuer, live eingespielter Musik Pathfinder / Veiviseren. Die Retrospektive war dieses Jahr dem rumänischen Regisseur Cristian Mungiu gewidmet, dessen Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage / 4 luni 3 saptamani si 2 zile 2007 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes gewann und dessen neuer Film Graduation auch im Wettbewerb lief (und letztlich mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde). Mit der Türkei wurde in der „Fokus“-Sektion zudem ein Land vorgestellt, dessen Kino von den aktuellen politischen Entwicklungen gerade stark beeinflusst und verändert wird. Nicht ausdrücklich in diesem Zusammenhang, aber dazu absolut passend, veranstaltete die Norwegische Filmkritikervereinigung (Norsk filmkritikerlag) eine Podiumsdiskussion zum Thema Zensur, bei der die Situationen in der Türkei und dem Iran im Zentrum standen.

Das TIFF ist spürbar in der Stadt verankert. Es gibt keine zentrales Festivalkino, sondern mehrere, über das Stadtzentrum verteilte Spielstätten. Und da das Zentrum von Tromsø eher einem Dorf gleicht, kann man alle Strecken problemlos in längstens zehn Minuten zu Fuß zurücklegen. Das Wetter war während meines gesamten Aufenthaltes wenig einDSC_0040ladend, was mir einerseits sehr gefallen hat: Schneefall jeden Tag mit teils stürmischen Böen, vereiste Straßen und zugeschneite Gehwege haben für exakt die Atmosphäre gesorgt, die ich mir vorab erhofft hatte. Auf der anderen Seite hatte das touristische Programm unter den äußeren Bedingungen zu leiden: Die Nordlichter-Tour geriet zur Jagd nach einem kleinen Stück offener Wolkendecke und das obligatorische Foto vom Hausberg Storsteinen aus auf Tromsø hinab musste entfallen, da die Gondel wegen des starken Windes gesperrt war. Die Hundeschlittentour war hingegen äußerst stilecht, mit teilweise so gut wie keiner Sicht und Eishagel, der während der Fahrt wie kleine Pfeile im Gesicht einschlug.

Heartstone / Hjartasteinn
Heartstone / Hjartasteinn ©TIFF

Insgesamt haben die fünf Tage in Tromsø meine Erwartungen voll erfüllt. Die 70.000-Einwohner-Stadt ist in der Festivallandschaft tatsächlich etwas Besonderes. Alleine die mit einem Aufenthalt verbundenen Kosten sprengen den Rahmen des gewöhnlichen, mitteleuropäischen Filmfestivals jedoch gehörig. Die Zahl der skandinavischen Produktionen ist in dem sehr international ausgelegten Programm nicht übermäßig hoch, im Wettbewerb zum Beispiel war mit Guծmundur Arnar Guծmundsons isländischem Lübeck-Gewinner Heartstone / Hjartasteinn nur ein Film aus Nordeuropa vertreten. Die schon erwähnten „Norwegischen Horizonte“ umfassten sechs Filme und die Sektion „Filme aus dem Norden“ bestand vornehmlich aus Zusammenstellungen von kurzen bis mittellangen Dokumentar-, Studenten- und Kurzfilmprogrammen.

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