Stummfilmpianist Uwe Oberg

Interview mit Stummfilmpianist Uwe Oberg (geführt im April 2013)

Als Jazzpianist, dessen Spiel vor allem auf freier Improvisation basiert, hat sich Uwe Oberg weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen Namen gemacht. Zudem begleitet der Musiker regelmäßig Stummfilme am Klavier, hauptsächlich im Caligari Programmkino in Wiesbaden und dem Kino des Deutschen Filmmuseums Frankfurt. Im Interview spricht er über seinen Ansatz, Filme musikalisch zu interpretieren, moderne Filmmusik und seine Beziehung zu Asta Nielsen.

Sie sind Berufsmusiker, arbeiten als Jazzpianist. Wie ist der Weg von dort zum Stummfilmpianisten? 

Das war ein Zufall, vor über 20 Jahren mittlerweile. Ein Bekannter von mir hat beim Deutschen Filminstitut in Frankfurt gearbeitet. Als deren Pianist mal ausfiel, hat er mich gefragt, ob ich einspringen könnte.

Sie waren zu der Zeit gar kein Stummfilmliebhaber?

Nein, überhaupt nicht. Damals war ich Ende 20, da hat mir das gar nichts gesagt, es hat mich auch überhaupt nicht interessiert. Aber man wächst rein.

Sie sind im experimentellen Jazz zu Hause, bei Konzerten improvisieren Sie sehr stark. Ist das etwas, das auch Ihre Arbeit an Stummfilmen beeinflusst?

Absolut. Improvisation ist eigentlich der Kern meiner Arbeit. Und Improvisation kommt zwar ganz stark vom Jazz, bedeutet aber nicht, dass es auch immer Jazz ist. Improvisation bedeutet immer, etwas aus dem Moment heraus zu schaffen. Sicher sind meine Wurzeln im Jazz, aber genauso auch in der neuen Musik des 20. Jahrhunderts. Ich erinnere mich noch gut an den allerersten Film, den ich gemacht habe, das war Der Golem mit Paul Wegener. Ich hab mir den Film am Schneidetisch im Filminstitut angeschaut und habe eine Partitur dazu aufgeschrieben. Ich hatte schon den Anspruch, meine eigene Musik zu spielen und zu improvisieren, aber ich musste mir trotzdem genau ansehen, was im Film passiert. Ich habe mir auch genau aufgeschrieben, was ich spielen will und übte das auch. Und dann saß ich im Kino und habe abwechselnd auf meine Partitur und den Film geschaut, und das ging gar nicht. Es hat nicht funktioniert. Der Film ist etwas schneller gelaufen als am Schneidetisch, dadurch hat das ganze Timing nicht mehr funktioniert. Danach hab ich dieses Konzept fallen gelassen. Inzwischen schaue ich mir den Film – wenn ich ihn noch nicht kenne – relativ kurz vor dem Termin an, achte auf die Atmosphäre und, um es salopp zu sagen, überleg mir was, was ich spielen will. Und das arbeite ich dann im Kino aus.

Wobei dieses schlechte Timing aufgrund der Filmgeschwindigkeit ja auch eine Improvisation herausfordert, nur ungewollt.

Richtig, man kann auch durchaus eine Partitur schreiben und diese etwas schneller oder langsamer spielen. Die Stummfilmpianisten damals haben ja auch Melodien genommen und diese dann mehr oder weniger kunstvoll arrangiert. Und in dem Sinne dann auch weiter improvisiert. Also wenn ich z.B. ein Liebesdrama von Liszt habe, dann kann man in dem Stil und mit den Akkorden weiter improvisieren. So lange, wie die Szene das eben braucht. Und im Grunde mache ich nichts anderes, nur spiele ich nicht den Liebestraum, sondern von vornherein meine eigene Musik. Ich bin dann ganz im Moment und hangele mich weiter. Natürlich lasse ich mich auch überraschen von dem Film, schließlich kann ich mir nicht alles im Detail merken. Und das ist auch das Spannende an der Sache: plötzlich kommt ein Schnitt und ich denke mir „oh, was machst Du jetzt mit deinem Material?“

Filme wie Nosferatu oder Das Cabinet des Dr. Caligari mit ihrem unheimlichen Charakter geben Ihnen die Möglichkeit, mit Klängen auch ein wenig zu experimentieren und bestimmte Stimmungen zu kreieren. Sie spielen nicht nur Klavier, sondern arbeiten auch mit dem Holz oder greifen in die Saiten. Ich habe den Eindruck, dass Ihnen die Begleitung solcher Filme mehr Spaß macht als Komödien, die für Experimente weniger Anlass bieten.

Durchaus, da ist schon was dran. Das Düstere liegt mir in der Tat mehr. Ich bin als Improvisierer auch ein Klangforscher, ich bin an der musikalischen Improvisation an sich interessiert. In meinen Jazz-Sachen spiele ich häufig wo hin, wo ich noch nicht war. Das bekommt auch automatisch eine gewisse Langsamkeit, wenn ich überlege, wie ich wo weitergehe. Und diese Langsamkeit überträgt sich gerade bei diesen Filmen sehr gut. Wenn auf der Leinwand etwas Düsteres passiert und ich kann dazu entsprechende Sounds machen und muss nicht eine Komödie am Klavier abziehen. Das liegt mir schon ziemlich nahe.  Letztens habe ich Fig Leaves von Howard Hawkes gemacht, und das war eben so naja, ganz nett. Aber je besser der Film ist und je besser er mir natürlich auch gefällt, desto besser spiele ich. Und da sind die düsteren, abgründigen Sachen meine Favoriten.

Sie komponieren die Musik grundsätzlich selbst, auch dann, wenn Originalnoten erhalten sind.

Ja, das ist schon mein Ansatz, dass ich meine Musik spiele. Ich hab schon ein paar Noten und inzwischen bekommt man diese Filme ja auch alle mit Originalmusik auf DVD, sofern die Musik überhaupt vorhanden war. Es wurden ja erst ab der Zeit nach dem 1. Weltkrieg Partituren geschrieben. Das höre ich mir natürlich schon an. Ich nehme mir auch mal einzelne Elemente raus, aber es ist nie so, dass ich die Originalpartituren spiele.

Wenn Sie selbst komponieren, wie ist der „technische“ Ablauf? Sehen Sie den Film parallel zum Schreiben?

Ich mache eine Art Filmprotokoll, damit ich weiß, was wann passiert. Seit ich die Filme zu Hause auf DVD sehen kann, ist es auch erheblich einfacher geworden, weil ich dabei am Klavier sitzen und ausprobieren kann. Eine Komposition im kleinsten Sinne wären für mich einzelne Cues. Also wenn ich weiß, dass an einem bestimmten Punkt eine inhaltliche Szene zu Ende ist, dann wechsele ich auch mein Spiel. Und das lege ich auch schon fest, also: dass ich etwas verändere. Was genau das dann ist, weiß ich allerdings nur relativ vage. Wichtig ist, dass ich einen guten Anfang habe, einen guten Einstieg. Das ist für so eine Improvisation immer wichtig, um zu Beginn eine Klarheit zu schaffen. Wobei ich manchmal auch ohne eine Idee ins Kino gehe, und das sind dann oftmals die besten Momente. Wenn der Film dann anfängt, beginne ich mit meinem Spiel und lasse mich wirklich leiten. Bestimmte musikalische Elemente und Motive versuche ich natürlich schon aufzugreifen und die durch den Film zu transportieren. Und ich versuche, in einer Stimmung zu bleiben. Ich möchte eigentlich immer die Zuschauer und auch mich selbst überraschen. Meine Idee ist es, dass ich die Filme ins Heute bringe. Ich will keine Musik machen, wie sie damals gespielt wurde. Damals wurden ja Opern- oder Operettenmelodien, also Popmusik aus der Zeit, gespielt und das ist offen gestanden nicht meine Musik. Ich versuche stattdessen, meine Musik und meine Klänge zu verwirklichen, soweit das eben möglich ist. Der Film ist eigentlich meine Partitur.

Klavier ist das klassische Begleitinstrument bei Stummfilmen. Sie haben aber auch schon mit Kollegen und anderen Instrumenten gespielt. Was bevorzugen Sie?

Alleine zu spielen ist schon am einfachsten, da hab ich alles in der Hand. Wenn man mit mehreren spielt, ohne Film, ist das auch einfach. Der Film ist jedoch wie ein dritter Spieler, der aber nicht reagiert. Da wird es schwierig. Das funktioniert nur dann, wenn man sich wirklich gut versteht und sein eigenes Ego auch zurückstellen kann. Denn letztlich dient man dem Film. Das ist mir selbst ganz am Anfang auch nicht leicht gefallen, da bin ich manchmal vielleicht auch etwas ruppig mit den Filmen umgegangen, weil ich eigentlich nur meine Musik spielen wollte.

Sie stecken viel Zeit und sicher auch Herzblut in eine Komposition, die dann unter Umständen nur ein Mal gespielt und von 30 Leuten gesehen wird. Ist das frustrierend?

Es schafft natürlich eine andere Atmosphäre, wenn hundert Leute im Kino sind. Wenn gelacht wird oder man irgendeine Reaktion bekommt. Im besten Fall ist es so eine Dreiecksbeziehung: der Film, das Publikum und ich. Und wir interagieren miteinander, weil die Leute auf den Film reagieren und ich auf die Zuschauer. Wenn aber nur fünf Menschen da sind und einer schnarcht, dann ist das natürlich nicht so toll. Aber ich kann mich immer an dem Film festhalten, das ist für mich die wichtigere Achse. Wie viele Menschen hinter mir sitzen, vergesse ich im besten Fall. Es gab aber auch schon Aufführungen – in Darmstadt z.B., im Jazzinstitut – die haben mich als Jazzpianisten eingeladen und hatten mal einen Abend mit Filmen von Chaplin, Keaton und Laurel & Hardy. Von denen lief Big Business, den ich selbst auch sehr mag. Und das war unglaublich, das war wie auf einer Party. Die Leute haben auf den Stühlen gelegen, ich hab mit den Leuten gespielt, mit dem Film gespielt, eine ganz lebendige Sache, gar keine so ernste Stummfilmvorführung, sondern sehr lustig. Aber Stummfilme sind einfach Spezialistensache. Und vieles ist natürlich auch schon abgespielt. Aber man sollte es in solchen Programmkinos wie dem „Caligari“ auf jeden Fall weiter laufen lassen, ich finde es auch ganz wichtig, dass junge Leute diese Filme sehen. Gerade Stummfilm ist was anderes, denn es passiert ja wirklich was, es ist eine Liveperformance, auch wenn ich da so im Halbdunkel sitze. Da denke ich, dass es trotzdem anders rüberkommt als bei normalen Filmen.

Heutzutage sind Filmkomponisten bekannt und teilweise auch Stars, beim Stummfilm war das nicht der Fall. Eigentlich paradox, da die Musik im Stummfilm ja präsenter war. Kennen Sie einige Komponisten bzw. können sie einzelne Kompositionen den Komponisten zuordnen?

Es interessiert mich schon und ich höre es mir sehr gerne an. Vor allem das zeitgenössische daran, wie Musik verwendet wird. Ich habe aber grundsätzlich so ein Problem mit Filmmusik. Im Fernsehen sowieso, aber auch Kino. Da habe ich letztens gerade Lincoln von John Williams gesehen. Ich meine, das ist eine prima Musik, aber aalglatt. Natürlich verarbeitet er amerikanische Volkslieder darin und hat die auch sehr schön arrangiert, aber ich finde, dass die Filmmusik oft so ein Mauerblümchendasein fristet. Sie soll nicht stören, sie soll nur unterstützen. Das ist sehr schade. Musik sollte auch im Film ihren Platz finden. Ich denke an Godard oder Truffaut, wo die Musik einen ganz anderen Stellenwert hat. Und wo sie ganz anders inszeniert ist. Oder There Will Be Blood von Paul Thomas Andersen. Da hat ein Mitglied von Radiohead die Musik gemacht. Das fand ich umwerfend, die war wahnsinnig massiv und präsent, hat diese Bilder überflutet. Ich finde es großartig, wenn Musik so herausfordernd sein kann. Genauso auf der anderen Seite Haneke, der überhaupt keine Musik verwendet. Dadurch hört man alle Geräusche und es ist eine ganz andere Aufmerksamkeit da.  Ich versuche auch immer, diese Ideen mit reinzunehmen in meine Stummfilmmusik. Vielleicht sollte ich öfters Pausen machen!

Macht es für sie einen Unterschied, ob Sie einen Film von Murnau oder Dreyer begleiten? Oder sind inszenatorische Komponenten eher uninteressant für Sie, da Sie sich vor allem auf die Musik konzentrieren?

Ich könnte das gar nicht an Namen festmachen. Von Dreyer z.B. habe ich zuletzt die Passion der Jeanne D’Arc begleitet, da traut man sich fast gar nicht zu spielen. Weil das so dicht und intensiv ist. Das ist so ein Film, bei dem man vielleicht gar nicht spielen sollte. Kann ich natürlich nicht bringen, sonst mach ich mich arbeitslos.

Sie haben schon sehr oft Filme mit Asta Nielsen begleitet, Hamlet z.B. und mehrere Filme, bei denen ihr Mann Urban Gad Regie führte. Zufall oder mögen Sie sie besonders?

Das war schon auch Zufall. Es gab auch mal eine Retrospektive vor ein paar Jahren im Filmmuseum, dadurch hat sich diesbezüglich was angesammelt. Aber die Frau ist natürlich auch klasse. Ein toller Typ. Bei Nielsen-Filmen hänge ich immer sehr an ihr, sie ist beim Spielen dann so eine Art Partnerin für mich. Ich lasse mich sehr inspirieren von ihrer Lebendigkeit und ihrem Witz.

Was halten Sie von „modernen“ Stummfilmen wie The Artist oder Juha von Kaurismäki und deren Musik?

Juha war der einzige, den ich mal gemacht habe, auf einem Festival. Da haben wir sogar bei Kaurismäki angerufen und gefragt, ob wir das machen dürfen mit einer neuen Musik. Kaurismäki spielt natürlich mit den Klischees und bricht das alles. Das war schon anders, ohne dass ich es genau definieren könnte. Da war aber auch noch eine Schlagzeugbegleitung dabei, von daher war das ohnehin ein Projekt für sich. Ich kann mich erinnern, dass ich die Originalmusik auch ziemlich gruselig fand, die hat mir überhaupt nicht gefallen.

(Homepage von Uwe Oberg: www.uweoberg.de)

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