Retrospektiven – Nordische Filmtage Lübeck

Die Nordischen Filmtage Lübeck finden immer am ersten November-Wochenende statt, sie sind eines der ältesten Filmfestivals Deutschlands und das einzige, das sich ganz auf Filme aus den skandinavischen Ländern und Finnland fokussiert. Hauptsektionen sind der Spielfilmwettbewerb und der Dokumentarfilmwettbewerb, daneben gibt es ein umfangreiches Kinder- und Jugendfilmprogramm, das Filmforum, das einheimischen Filmen aus Norddeutschland ein Schaufenster bietet, sowie die Retrospektive, die über Jahrzehnte von Hauke Lange-Fuchs aufgebaut und etabliert wurde und seit 2009 von Jörg Schöning kuratiert wird. 2017 verantwortet er die Retrospektive zum neunten Mal, Titel der diesjährigen Ausgabe wird „Mit fremden Augen“ sein. Thematisch geht es darin um die Eindrücke der neu in die nordischen Länder Zugezogenen, die einen cineastischen Blick auf ihre neuen Heimaten werfen.

Das Interview mit Jörg Schöning habe ich im Mai 2017 geführt.

Wie finden Sie die Themen für kommende Retrospektiven?

Ich mache die Retrospektive in Lübeck jetzt im neunten Jahr. Es hat sich so ergeben, dass sie quasi Seriencharakter angenommen hat. Es begann mit der Erkundung der nordischen Landschaft auf der einen Seite und auf der anderen der Erkundung von Genres in Skandinavien. Angefangen mit Grönland, gefolgt im Zweijahres-Rhythmus von Lappland und Spitzbergen. Das hat sich abgewechselt mit den Genregeschichten, zuerst das erotische Kino, dann Horror bzw. Grusel und schließlich Komödien. Und so war schon mal eine Struktur gelegt über immerhin sechs Jahre. Das hat sich fortgeführt über weitere drei Jahre, indem noch mal Reisefilme allgemein aufgenommen wurden, daraus ergab sich als logische Fortsetzung reisende Skandinavier im Ausland, das war 2016, da ging es um Urlaubsreisen, Entwicklungshilfe, Kolonialabenteuer. Und 2017 wird es fortgesetzt mit Migration in die skandinavischen Länder, sodass sich da wieder ein Triptychon von Filmen ergeben hat. Also die dritte dreiteilige Serie innerhalb der Retrospektive. Und wie es zu diesen Themen kam – es lässt sich wohl mit Neugier am besten zusammenfassen. Und sicher spielen da auch immer persönliche Interessen rein.

Wie weit im Voraus planen Sie die Retrospektiven der kommenden Jahre?

Ich würde mal sagen zwei Jahre. Wobei ich bei diesen serienhaften Reihen die ersten sechs Jahre schon im Kopf hatte, als ich anfing. Das habe ich nicht laut gesagt, aber grobe Vorstellungen hatte ich schon.

Sprechen Sie sich bzgl. der Themen mit den Kollegen in der Führung der Filmtage ab?

Ja, wir sprechen uns immer ab, aber ich habe dabei freie Hand. Ich mache Vorschläge und die sind auch noch nie abgelehnt worden. Modifikationen gab es natürlich, aber es wurde nie etwas abgelehnt. Wir besprechen das und suchen auch gemeinsam nach Filmen, kramen in unseren Erinnerungen.

Jörg Schöning (links) bei der Präsentation der 59. Filmtage im August (© NFLübeck, Turné)

Bevorzugen Sie offene oder geschlossene Themen?

Ich bin für offene insofern, als dass ich thematische Reihen bevorzuge und keine biografischen. Ich denke, das hat sich auch so ein wenig überlebt. Früher ist das in Lübeck ja auch gemacht worden, aber da habe ich der Retrospektive wohl schon einen anderen Charakter verliehen. Auch dass nicht ausschließlich ältere Filme gezeigt werden, sondern dass auch neuere Dokumentationen eine Chance bekommen, um das Thema bis in die Gegenwart zu führen. Das finde ich immer interessant. Ich habe da zeitlich vielleicht einen erweiterten Retro-Begriff.

Diese Abkehr von biografischen Reihen in Lübeck ist auffällig, ich persönlich bedauere das sehr, da ich es immer spannend finde, sich ganz auf das Werk einer Person einzulassen. Können Sie etwas ausführen, was Sie damit meinen, biografische Reihen hätten sich überlebt?

Es ist schwierig, solche Sachen vollständig oder angemessen rüberzubringen. Ich glaube auch, dass das Publikumsinteresse nicht mehr so groß ist, auch das hat sich eher aufs Thematische verschoben. Also ich bin nie konfrontiert worden mit dem Wunsch nach einem bestimmten Regisseur oder Schauspieler. Beim Festival ist es ja auch so, dass die Allerwenigsten eine Retro von Anfang bis Ende kucken. Ich glaube, dass die Chancen bei thematischen Reihen größer sind, dass das Publikum auch mal ohne große Vorkenntnis oder Vorbereitung einen Blick reinwirft. Bei biografischen Sachen fühlt man auch oft die Verpflichtung, alles zu sehen. Und das machen die Leute heute ja nicht mehr, vor allem nicht auf Festivals.

In den 90ern bis Anfang der 2000er Jahre gab es auch Werkschauen, etwa zu Søren Kragh-Jacobsen, Arne Skouen oder Bille August. Diese Begriffe – Retrospektive, Hommage, Werkschau – sind das nur verschiedene Namen für das Gleiche oder sehen Sie hierin Unterschiede per Definition?

Ja, eine Hommage würde ich in jedem Fall immer personengebunden sehen. Eine Werkschau ebenfalls. Früher gab es auch eine Trennung in Lübeck, da existierte eine Retro und es gab auch eine Hommage, die wurde aber abgeschafft. Aber da würde ich auch deutliche inhaltliche Unterschiede sehen. Filmhistorisch würde ich sagen, dass hier in Lübeck alles bis zum Jahr 2000 retrofähig ist. Schon Filme aus den 90ern gelten ja heute als alt. Also dieser Punkt, wie alt ein Film in der Retro sein darf, hat sich auch ein wenig verschoben. Man sieht es ja z.B. auch bei der Berlinale, wo etwa Alien in der Retro lief. Das ist ein zeitlicher Abstand, den man in den 80ern so noch nicht akzeptiert hatte.

Bei offenen Themen ist es von Natur aus schwer möglich, eine Vollständigkeit zu gewährleisten, viel schwerer als bei geschlossenen. Aber spielt dieser Aspekt bei der Kuratierung einer Retrospektive eine Rolle?

Nein, Vollständigkeit kann ich gar nicht leisten, alleine schon aufgrund der Kopienlage. Wir sind ja auf die Mitarbeit von Filminstituten und Archiven angewiesen, und das läuft sehr unterschiedlich. Die Bedingungen für uns sind z.B. in Dänemark ausgesprochen schlecht geworden, das dänische Filmarchiv gibt keine 35 mm-Kopien mehr raus an Veranstalter, die nicht der FIAPF (Fédération Internationale des Associations de Producteurs de Films) angehören. Andererseits kriegen die halt kein Geld für die Digitalisierung, oder zumindest nicht ausreichend Geld. Darauf reagieren sie damit, dass sie die 35er nicht mehr aus dem Haus geben. Das macht es dann unheimlich schwierig, alte dänische Filme zu zeigen. Das Filmarchiv sagt zwar, wenn wir irgendwo eine Kopie finden, können wir die zeigen, aber die hauseigene bekommen wir nicht. Insofern bleiben da manche Wünsche unerfüllt. Das ist aber ein Einzelfall. Die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Filminstitut bzw. der norwegischen Nationalbibliothek, die dort Archivcharakter hat, ist dagegen unheimlich gut. Die stellen für uns auch schon mal extra etwas her. Das sind einfach unterschiedliche Quellenlagen und darauf muss man Rücksicht nehmen. Das weiß man vorher schon.

Es gab in Lübeck schon Projektionen in der Retrospektive, da wurde der Film in der deutschen Synchronfassung von einer BluRay abgespielt. Das finde ich ehrlich gesagt nicht akzeptabel.

Man muss Kompromisse machen, das geht gar nicht anders. Ich hatte einmal eine Retro, da war ich total frustriert, weil es nur elektronisches Bildmaterial gab. Danach dachte ich, jetzt machst Du etwas, wo Du nur noch 35 Millimeter-Material zeigst, aber das geht nicht mehr, das kann man echt vergessen. Das mit den Synchronfassungen ist nicht schön, aber in ganz seltenen Fällen ist es nicht anders möglich. Das machen wir auch nicht leichtfertig, aber dann sahen wir keine andere Möglichkeit. Natürlich werden Untertitel immer bevorzugt. Es ist bei uns aber auch eine Retrospektive, die sehr von einem deutschen Publikum besucht wird, das merke ich schon. Die internationalen Gäste, die ja auch zahlreich sind in Lübeck, die kommen natürlich nicht wegen der alten Filme, sondern wegen der aktuellen. Und wenn es weder englische noch deutsche UT gibt, dann mutet man dem deutschen Publikum auch mal eine Synchro zu.

Untertitel sind eine Sache. Auf welche Probleme treffen Sie bei der Programmierung eines Retro-Jahrgangs noch? Wie gehen Sie damit um?

Das mit dem dänischen Archiv z.B. fand ich bedauerlich. Sie machen es ja nicht aus bösem Willen, es mangelt einfach an Geld. Das fand ich ziemlich schlimm am Anfang. Das andere Problem sind Rechteinhaber. Bei den Wettbewerben der Filmfestivals ist es ja unüblich, Vorführgebühren zu zahlen. Bei Retros kommt das vor, und da gibt es eben welche, die völlig übersteigerte Vorstellungen haben. Und das ist natürlich mies. Da ist man dann auch sauer drüber. Das war im letzten Jahr der Fall, da war es echt schwierig, einen Langfilm von Peter Weiss zu bekommen, weil da in Schweden völlig falsche Vorstellungen bestanden darüber, was sich ein kleines Festival leisten kann.

Es wird in den letzten Jahren viel über die Erhaltung des Filmerbes gesprochen, meist im Zusammenhang mit der Konservierung und dem organischen Zerfall des Materials. Welche Rolle kann eine Retrospektive hier spielen bzgl. der Zugänglichkeit von alten Filmen?

Also ich bin ja heilfroh, wenn so etwas bewirkt wird. Wir hatten ja 2016 die „Reisen in fremde Welten“. Da ist ein Dokumentarfilm aufgetaucht, Gjensyn med jungelfolket, über eine Expedition. Da haben wir eine elektronische Fassung bekommen vom norwegischen Filmarchiv, die vorher nicht existierte. Und die sehr gut aussah. Auch eine Textliste haben wir bekommen, die haben wir übersetzt, und jetzt gibt es eine deutsche Fassung, die man einsprechen kann. Das ist, finde ich, schon etwas, wo man sagen kann, da hat man etwas ausgegraben. Und etwas bewahrt und veranlasst, noch mal eine bessere elektronische Fassung herzustellen.

Nicht jedes Filmfestival hat eine Retrospektive. Welche Bedeutung nimmt sie in Ihrem Festival unter den anderen Sektionen ein?

Also ich finde natürlich eine große. Aber dass es sie überhaupt gibt, diese Retrospektive, das finde ich – unabhängig davon, dass ich sie mache – wirklich enorm. Weil der Arbeitsaufwand eigentlich größer ist als für alle anderen Reihen. Man muss die Filme suchen, man muss die Rechte klären. Es ist viel schwieriger, eine Retrospektive auf die Beine zu stellen als die neuen Filme zu zeigen, die einem ja auch angeboten werden und wo die Gegenseite ein Interesse daran hat, dass sie gezeigt werden. Das ist bei der Retro keineswegs immer der Fall. Die Dänen interessiert es wie gesagt gar nicht, das herauszugeben. Also der Aufwand ist groß, da ist Lübeck schon vorbildlich. Viele verzichten stattdessen auf eine Retrospektive. Hamburg z.B. macht eine Länderreihe und zeigt acht Filme, die ihnen wahrscheinlich auch noch extern vorgeschlagen werden. Kann man auch machen. Ist nicht stringent, aber man hat dann halt was.

Wie ist die Zuschauerresonanz in Ihren Retrospektiven in den letzten Jahren, sowohl bzgl. absoluter Zahlen als auch Feedback?

Die Resonanz ist gut und gestiegen in den letzten Jahren. Ich hatte immer so um die 1000 Zuschauer über die fünf Festivaltage, und plötzlich waren es 2000 bei den Nordlandreisen (2015). Und letztes Jahr war es auch wieder ähnlich. Es gibt auch Stammgäste, die das verfolgen. Das sind natürlich ältere Leute, die das sehr schätzen, z.B. langsame Filme zu sehen.

Gibt es am Ende eines Festivals Nachbesprechungen?

Mit mir gibt es in dem Sinn keinen Nachklapp. Es gibt aber auch keine Beschwerden gegenüber der Retro und von daher nichts, was man besprechen müsste. Natürlich telefoniert man, aber eher informell, nicht als dienstliches Meeting.

Wie ist die Berichterstattung über die Retrospektive in Medien?

Meistens wird im Zusammenhang mit dem Festival insgesamt berichtet, aber es gab auch einzelne Artikel, wo ausdrücklich die Retrospektive vorgestellt wurde. Vor allem natürlich in den hiesigen Lübecker Nachrichten. Die Zeitschrift 35 Millimeter hatte einen Vor- und Nachbericht gebracht. Und bei der Reihe mit dem erotischen Kino hatten wir die Schauspielerin Christina Lindberg als Gast, da gab es anschließend ein Interview mit ihr über eine ganze Seite in der Frankfurter Allgemeinen. Aber insgesamt stehen bei der Berichterstattung natürlich schon stark der Wettbewerb und auch das Filmforum im Mittelpunkt.

Wie wichtig sind Begleitpublikationen, auch hinsichtlich der Nachhaltigkeit einer Retrospektive?

Es gab das in Lübeck immer. Mein Vorgänger Haucke Lange-Fuchs hat das gemacht. Und ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich das auch würde machen können, das hatte ich stark gehofft. Im ersten Jahr habe ich es auch noch hingekriegt, zu Grönland. Aber da war das Geld schon knapp, und dann war Schluss. Und ich halte es für ausgeschlossen, dass es noch mal wiederbelebt wird. Das hat auch mit den Vertriebsstrukturen von so einem Festival zu tun. Es gab einfach zu wenige Abnehmer für diese Publikationen, das waren dann letzten Endes auch Ladenhüter, die man da hergestellt hat. Aus Sicht des Festivals ist es verständlich, die Reihe nicht fortzuführen, man kann nicht immer Geld reinstecken und dann auf diesen Dingen sitzen bleiben. Aber das ist ein Problem des Vertriebs. Wenn man nicht in der Lage ist, diese Publikationen an den Mann zu bringen, wenn man nicht eine Kooperation mit einem Buchverlag hat, der sie ins eigene Programm aufnimmt, dann ist es schwierig, sie loszuwerden. Das kann das Festival dann nicht leisten. Und insofern hab ich auch Verständnis dafür, zumal das Geld knapp ist und man keine Unterstützung dafür findet, keine Sponsoren.

Welche Rolle spielen die Retrospektiven für die allgemeine (internationale) Reputation des Festivals?

International kann ich das nicht abschließend beurteilen. Für das Lübecker Publikum spielt es schon eine Rolle. Ganz wichtig und mir ein Anliegen zu erwähnen: Es gibt seit 3 Jahren einen begleitenden Workshop, die Lübeck Film Studies. Dort machen die Themen der Retro einen Großteil des Programms aus. Da treffen sich dann Filmwissenschaftler aus den skandinavischen Ländern mit Skandinavistik-Studenten aus Deutschland. Immer so 30-50 Teilnehmer. Und die Gäste aus Skandinavien vertiefen noch mal das Thema der Retro, stellen Filme vor oder umreißen Zusammenhänge. Und so gibt es einen Austausch zwischen der Retro und diesem Kolloquium. Insofern wird die Retro auch in akademischen Fachkreisen in Skandinavien wahrgenommen. Davon versprechen wir uns natürlich auch eine gesteigerte Wahrnehmung. Und das Interesse ist auch stetig gestiegen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Retrospektiven der Nordischen Filmtage Lübeck der vergangenen 10 Jahre:

2016 – In fremden Welten

2015 – Nordlandreisen. Travelogues & Roadmovies

2014 – „Die reine Vernunft ist letzte Nacht um elf Uhr verstorben“ – Skandinavische Gesellschaftskomödien

2013 – Nord!wärts. Spitzbergen und der Weg zum Pol

2012 – Das kalte Grauen. Grusel und Schauder im skandinavischen Kino

2011 – Lappland und das Kino der Sami

2010 – Die skandinavische Verlockung. Liebe – Wohlfahrt – Sex im skandinavischen Kino der 50er bis 70er Jahre (+ Hommage Christina Lindberg)

2009 – Die arktische Leinwand – Grönland im Film

2008 – 50 Jahre Nordische Filmtage Lübeck

2007 – Kinder- und Jugendfilme (+ Hommage Astrid Lindgren)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.