Døden er et kjærtegn (Edith Carlmar, 1949)

 

Zu Beginn rast ein Polizeiauto durch die Straßen Oslos. Auf dem Revier angekommen, steigt Erik Hauge aus und wird von zwei Beamten ins Gebäude geführt. Sein Anwalt wartet bereits auf ihn. „Hätte das nicht verhindert werden können?“, fragt er. Hauge sitzt nach vorne gebeugt auf dem Stuhl, spielt mit seiner Zigarette, ohne daran zu ziehen, und blickt ins Leere. Die Antwort kommt klar und resigniert: „Nein.“ In einer Rückblende wird er seinem Verteidiger die Geschichte erzählen, durch die er zum Mörder wurde.

Døden er et kjærtegn (Death is a caress) wird in der norwegischen Filmgeschichtsschreibung gerne als der erste skandinavische Film noir bezeichnet. Die Eröffnungsszene offenbart bereits, wie er zu diesem Ruf gekommen ist. Die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse, Hoffnungslosigkeit und die Gewissheit, sich in einer Situation zu befinden, aus der es kein Entkommen gibt, all das sind Komponenten, die charakteristisch sind für die erste Phase des Film noir. Wenn Hauge davon redet, jenen Weg beschreiten zu müssen, der ihm vorgezeichnet wurde, so hat er sich seinem Schicksal in ähnlicher Weise ergeben wie es drei Jahre zuvor bereits die von Burt Lancaster gespielte Figur des „Schweden“ in The Killers tat. „I did something wrong – once“ sagt dieser zu Beginn von Robert Siodmaks Film, kurz bevor er sich widerstandslos erschießen lässt.

Mit Bjørg Riiser-Larsen als Sonja Rentoft verfügt Døden er et kjærtegn zudem über eine Männer verschlingende Frau aus der Oberschicht, reich und anspruchsvoll, die mit dem armen Automechaniker Hauge eine wilde Liebesbeziehung beginnt, ihn von seiner aufrechten und gutherzigen Verlobten wegreißt und unaufhaltsam in sein Unglück stürzt. Eine klassische Femme fatal, deren Beziehung zu Hauge offenkundig an The Postman always rings twice, ebenfalls wie The Killers aus dem Jahr 1946, angelehnt ist. „Grundlegende menschliche Triebe brachten uns zusammen, doch Lebensstil und Hintergrund kamen dazwischen“, versucht Hauge die ungleiche Beziehung zu erklären. Eine Sex-and-Crime-Story, die Døden er et kjærtegn 1949 zu einem Aufreger in den norwegischen Kinos machte.

Dass ausgerechnet eine Frau diese Geschichte als Regisseurin auf die Leinwand brachte, macht den Film noch mal bemerkenswerter. Denn Døden er et kjærtegn ist der erste norwegische Film überhaupt, bei dem eine Frau Regie führte – zu einem Zeitpunkt also, da das Medium Film schon weit über 50 Jahre alt war. Edith Carlmar war gelernte Schauspielerin, die zuvor viele Jahre bei Det nye teater in Oslo engagiert war, zusammen mit ihrem Mann Otto, der die Position des Theaterdirektors innehatte.
Ersten Kontakt mit der Filmwelt bekam Carlmar 1939 über Tancred Ibsen, einen Enkel des Dramatikers Henrik Ibsen, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein anerkannter Regisseur in Norwegen war und für seinen neuen Film eine Assistentin suchte. Carlmar sollte in den darauf folgenden Jahren noch mehrmals bei Ibsens und anderen Produktionen mitwirken, mal als Scriptgirl, Produktionsassistentin, Sekretärin, Schauspielerin oder auch Kostümgestalterin. Nach Ende des Krieges erhält sie ein Stipendium bei den Denham Studios in England. Die Erfahrungen, die sie dort und bei ihren Arbeiten an norwegischen Filmen sammelte, verstärkten den Wunsch, eigene Filme zu drehen. Zusammen mit ihrem Ehemann gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Carlmar Film A/S, die fortan mit einer Ausnahme alle ihre Filme realisierte. Zwischen 1949 und 1959 drehte Edith Carlmar zehn Spielfilme, dazu einige Kurzfilme.

Für Døden er et kjærtegn schrieb Ehemann Otto das Drehbuch, die Adaption eines kurz zuvor erschienenen, gleichnamigen Romans von Arne Moen. Als Kameramann engagierten die Carlmars den recht erfahrenen Kåre Bergstrøm, der später ins Regiefach wechselte und mit Blodveien und De dødes tjern zu einem der erfolgreichsten Regisseure Norwegens in den 1950er Jahren wurde. Schon bei Døden er et kjærtegn führte er – neben seiner Kameraarbeit –  offiziell den Titel „technischer Regisseur“ und unterstützte Edith Carlmar hinter der Kamera.

Aus heutiger Sicht wirkt der Film in vielerlei Hinsicht grob und sprunghaft. Die Psychologie der Figuren ist unausgereift, der Geschichte fehlt es oft an der narrativen Eleganz, die ihre amerikanischen Vorbilder auszeichnet. Døden er et kjærtegn ist gewiss kein Meisterwerk, und ihren eigenen Ansprüchen ist Edith Carlmar damit wohl – wie in manch anderem ihrer späteren Filme auch – nicht gerecht geworden. Doch betrachtet man das Kriminaldrama als reinen Unterhaltungsfilm, ohne tiefere gesellschafts- und sozialkritische Intention (die der Regisseurin eigentlich vorschwebte), funktioniert es noch immer und unterhält seine Zuschauer erstaunlich gut.

Das alleine ist gemessen an den äußeren Umständen seiner Entstehung bewunderns- und anerkennenswert. Edith Carlmar hätte sich ein einfacheres, weniger kontroverses Thema für ihren Debütfilm aussuchen können. Als Frau hinter der Kamera sollte sie in Norwegen noch 20 Jahre eine Ausnahme bleiben, ehe mit Anja Breien und Vibeke Løkkeberg die nächsten Regisseurinnen ihre ersten Langfilme drehten. Als Edith Carlmar 1955 mit Bedre enn sitt rykte (Besser als ihr Ruf) ihren vierten Spielfilm ins Kino brachte, schrieb ein Kritiker der Tageszeitung Dagbladet: „Sie hat schon zuvor eine verblüffend sichere und ungeheuer effektive Mischung männlichen Könnens und weiblicher Intuition gezeigt.“ Gemeint war das als Kompliment. Dass handwerkliches Können auf dem Regiestuhl auch ein weibliches Attribut sein könnte, schien damals keine Option zu sein. Edith Carlmar war ihrer Zeit voraus.

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