Vampyr (Carl Theodor Dreyer, 1932)

Vampyr (Carl Theodor Dreyer, 1932)

Carl Theodor Dreyer war immer ein Außenseiter und Einzelgänger. Seinen ersten Film Der Präsident / Præsidenten realisierte er 1919, zu einem Zeitpunkt, da die große Zeit des dänischen Stummfilms bereits vorüber war. In den folgenden Jahren fand er filmisch nie eine echte Heimat, er drehte in Dänemark und Schweden gleichermaßen wie in Deutschland und Frankreich. Bestimmten Erwartungen wollte er sich nicht beugen, ebenso wenig machte er Zugeständnisse an den Geschmack des großen Publikums. Bereits die zeitgenössischen Kritiker – und später vor allem jene der Nouvelle Vague – erkannten in Dreyer einen Filmkünstler und schätzen den Großteil seines Werkes hoch. Die Zuschauer folgten ihm jedoch nur selten, und die Produzenten wandten sich mit Ende der Stummfilmperiode von ihm ab. Nach Vampyr konnte er von 1932 bis 1964 nur noch vier Filme vollenden.

Vampyr bildet so gesehen die Bruchstelle in Dreyers Werk: den Übergang von seinen Stumm- zu den Tonfilmen, vom regelmäßigen Arbeiten zum nur noch punktuellen. Nach dem vier Jahre zuvor entstandenen Die Passion der Jungfrau von Orléans / La passion de Jeanne d’Arc, der ob seiner stilistischen Kraft und dem expressiven Einsatz von Großaufnahmen oft als seine stärkste Arbeit angesehen wird, drehte Dreyer wieder in Frankreich. Der Traum des Allan Gray – so der Untertitel von Vampyr – führt die Hauptfigur auf ein altes Schloss, in dem der Schlossherr mit seinen zwei Töchtern Gisèle und Léone lebt. Allan verliebt sich in die jüngere Gisèle, die ihn um Hilfe bittet: ihre Schwester leidet an einer mysteriösen Krankheit und an ihrem Hals finden sich Bissspuren. Er findet heraus, dass die junge Frau unter dem Einfluss einer Vampirin steht.

Schon La passion de Jeanne d’Arc war ein finanzieller Misserfolg gewesen, und auch Vampyr geriet zum Flop. Mehr noch als der Vorgänger ist Vampyr stilisiert und artifiziell. Avantgardistische Einflüsse lassen sich ebenso erkennen wie Anlehnungen zum deutschen Expressionismus. Dreyer kreiert eine albtraumhafte, teils surreale Atmosphäre, in dem die Zuschauer nicht mehr erkennen können, ob die Geschehnisse real sind oder einen Traum widerspiegeln. Die Bilder verstören, schließen den Betrachter in der Beklemmung, die Allan ergreift, mit ein. Hinzu kommt Dreyers Inszenierung eines Tonfilms, der mit Dialogen spart, stattdessen auf Zwischentitel zurückgreift (z.B. Textseiten eines Buches) und die Darsteller mit großen Gesten und ausgeprägter Mimik agieren lässt. Hier wird Vampyr besonders als Werk des Übergangs deutlich, doch das oft überzogene Schauspiel unterstützt die schauerhafte Erzählung in diesem Fall zusätzlich.

In der öffentlichen Wahrnehmung war diese Künstlichkeit jedoch für lange Zeit zu viel des Guten – Vampyr besaß einen eher zweifelhaften Ruf und konnte erst in den letzten gut 20 Jahren an Reputation zurückgewinnen. Jerzy Toeplitz etwa schrieb: „Was diesen hervorragenden Regisseur bewogen haben mochte, einen solchen Film wie Vampyr zu drehen, ist schwer zu sagen. Vielleicht betrachtete er die Adaption von Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ als eine Atempause von seiner künftigen ernsten Arbeit, vielleicht aber wollte er sich einfach in einem für ihn neuen Genre versuchen? Doch von welchen Motive sich der Regisseur auch leiten ließ, das Ergebnis seiner Arbeit gab wenig Anlass zur Freude. […] Alles war hier über den Rahmen des Normalen stilisiert, nebulös, geglättet, versüßlicht, und das angeblich Furcht Einflößende rief nur ein peinliches Lächeln hervor.“ Das Unverständnis für seine Intention und die Unerbittlichkeit der Kritik mögen verdeutlichen, warum Dreyer nach Vampyr elf Jahre warten musste, ehe er mit Tag der Rache / Vredens dag  seinen nächsten Film finanziert bekam.

Ans Herz gelegt seien an dieser Stelle die Kinoaufführungen von Vampyr unter der Live-Begleitung des Musikprojekts „Vortex“. Die Dialoge werden in diesen Konzerten lediglich via Untertitel eingeblendet, der Film wird als Stummfilm gezeigt. Einzigartig ist das nicht, Anfang 2017 zum Beispiel wurde Nils Gaups Pathfinder / Veiviseren aus dem Jahr 1987 während des Tromsø International Film Festivals ebenfalls stumm aufgeführt und mit neuer Musik von einem Orchester begleitet. Bei Vampyr jedoch ist die Aufführung als Stummfilm aus den zuvor angeführten stilistischen Gründen tatsächlich passend und stimmig. Mit Percussions, E-Gitarre und Mundorgel generieren die Musiker Marcus Stiglegger und Oliver Freund teils unterschwellig pulsierende, dann wieder nervös treibende Rhythmen, die die Atmosphäre des Films aufnehmen und in den Kinosaal transportieren. Keine banale Begleitmusik, sondern ein Klangkonzert, das dem irrlichternden Albtraum des Allan Gray seine musikalische Entsprechung verleiht, bei dem der Lautstärkepegel mitunter bewusst nach oben getrieben wird und dessen Energie auch in der hintersten Reihe des Kinos spürbar wird.

Dreyer würde an dieser musikalischen Interpretation seine Freude haben. Die nächste Gelegenheit, sich von diesem Konzept selbst zu überzeugen (Stand: 28.10.2017), ist am 31. Oktober 2017 im Kino Harmonie in Frankfurt.

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