Nordische Filmtage 2017 – eine Liebeskrise

Vergangene Woche war ich, wie jedes Jahr Anfang November, bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck. Es war wie eigentlich immer in den letzten (mindestens) fünf Jahren: Die Vorfreude war groß, der Kater danach noch viel größer. Lübeck ist nach wie vor mein erklärtes Lieblingsfilmfestival, und mit dem Lieblingsfestival ist es ja ein wenig so wie mit dem Lieblingsverein: Du bleibst ihm gefälligst treu. Du gehst nicht einfach zu Bayern oder Leipzig, nur weil da Geld und Erfolg sitzen. Du leidest mit Deiner Mannschaft und stehst zu ihr, ganz gleich, wie verfehlt die Transferpolitik mal wieder war und was für einen EM-2004-Gedächtnis-Rumpelfussball die überbezahlten Herren Söldner wieder zusammenkicken.

Aber der Vergleich zeigt schon, in welche Richtung unsere gemeinsame Reise zuletzt ging – Liebe bedeutet ja nicht, dass man immer der gleichen Meinung ist und alles großartig findet, was der andere macht. Es bedeutet auch, dass man die kleinen Fehler, die der andere natürlich besitzt und die man in der Zeit der ersten Verliebtheit noch als sympathische Eigenarten wahrnimmt, nach und nach als nicht mehr so sympathisch empfindet. Sie fallen stärker und unangenehmer auf, zumal dann, wenn sie einen selbst irgendwann negativ beeinflussen. Und wenn sich diese kleinen Fehler immer weiter addieren, ist es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr schön. Liebe ist eben auch Krisen ausgesetzt. Mitunter schweren Krisen. Krisen, die sich über einen längeren Zeitraum andeuten, entwickeln und schließlich entladen. Mit den Nordischen Filmtagen und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Jetzt, im 18. Jahr unserer Beziehung, ist die Krise da. Wie konnte es nur so weit kommen? Was ist falsch gelaufen? Wann haben die Filmtage ihren Mojo verloren? Machen wir den Versuch einer Aufarbeitung.

I. Früher war (nicht) alles besser

Sie müssen jetzt tapfer sein, der Papa erzählt von damals.
In der guten alten Zeit, 1999, als ich zum ersten Mal nach Lübeck kam, dauerte das Festival vier Tage. Die Lübecker Bürgersteige wurden nach Einbruch der Dunkelheit hochgeklappt; wenn man nach 23 Uhr aus dem Kino kam und noch etwas essen wollte, musste man bis zum nächsten Morgen Hunger leiden. Dieter Kosslick saß in der Spielfilm-Jury und den Hauptpreis gewann ein Film von den Faröer-Inseln, an den sich heute zu Recht niemand mehr erinnert. Mit anderen Worten: Früher war gar nicht alles besser.

Aber es war anders. Es war nicht entspannt, aber entspannter als heute. Es begann donnerstags abends und endete am Sonntag. Damals schon wurde das Multiplexkino „Cinestar Stadthalle“ bespielt – sechs von sieben Sälen. Kino 4 nutzte man als „Multimedia Bar“, wo Journalisten und Fachpublikum Filme auf VHS-Video sichten konnten, wenn sie sie im Kino verpasst hatten. Die Videobar wurde als erstes zugunsten der siebten Leinwand geopfert, mit dem Kommunalen Kino und dem Kolosseum kamen weitere Spielstätten hinzu. Neuerdings hat man mit dem Filmhaus noch mal eine Leinwand gewonnem. Außerdem gibt es seit letztem Jahr eine Art Kuppelzelt, in dem Virtual-Reality-3D-Filme gezeigt werden, und es werden Kirchen, Museen und Schwimmbäder (!) bespielt. Das kompakte, konzentrierte Festivalzentrum wurde dezentralisiert, im Jahr 2017 kann man mitunter mehr Zeit damit verbringen, von einem Kino zum anderen zu laufen, als im Kino selbst zu sein. 2006 wurde das Festival zudem auf fünf Tage erweitert, seither beginnt es bereits am Mittwochabend. Am Ende des Festivals rühmt man sich dann in der Regel alle Jahre wieder mit einem neuen Zuschauerrekord – dieses Jahr waren es rund 33.000, was einem Zuwachs von etwa drei Prozent entspricht, wie die Filmtage verlauten lassen. Was insgesamt aber halt auch keine ganz so große Kunst ist, wenn die Masse an Filmen, Spielorten und Slots immer weiter nach oben getrieben wird. Reden wir doch stattdessen lieber mal über die Qualität…

Rolf Rüdiger Hamacher leitete mal einen Festivalbericht für den „Filmdienst“ mit den (sinngemäßen) Worten ein, man könne immer ruhigen Gewissens nach Lübeck fahren, die Chancen, viele gute und nur sehr wenige schlechte Filme zu sehen, seien sehr hoch. Als ich das damals las, dachte ich „Gute Einleitung, hätte mir mal einfallen müssen“. Mittlerweile ist diese Aussage nicht mehr zutreffend. Das Wettbewerbsprogramm der letzten Jahre war in der Gesamtheit erschreckend schwach, aufgewertet nur durch einzelne Lichtblicke. Natürlich gibt es dafür Gründe. Im Programmkatalog zu den Filmtagen 1999 schrieb Liv Ullmann, die Ehrenvorsitzende des Festivals: „Die Filmtage stehen mir besonders nahe, denn hier werden Filme aufgeführt, die man sonst kaum in Deutschland zu sehen bekommt […].“ – Genau hier liegt eines der Probleme: Im Jahr 2017 kann man sehr viele skandinavische Filme in Deutschland sehen, sowohl im regulären Kinostart als auch auf Festivals. Lübeck hat in gewisser Weise sein Alleinstellungsmerkmal eingebüßt. Zwar bezeichnen die Organisatoren das Festival nach wie vor als das „wichtigste Schaufenster für den skandinavischen Film in Deutschland“, doch Iram Haqs großartiger Hva vil folk si / Was werden die Leute sagen zum Beispiel (der letztlich den Publikumspreis 2017 erhalten hat) feierte seine Deutschlandpremiere nicht in Lübeck, sondern drei Wochen vorher in Hamburg. Ausgerechnet Hamburg, diese Aufwärmveranstaltung, die in der Regel nur ein Best of der Frühjahrsfestivals bringt.

Thelma, © Motlys

Dagegen kann man nun sagen, dass Lübeck immer noch mit einem Haufen Deutschlandpremieren aufwarten kann, dieses Jahr hatte u.a. Joachim Triers Thelma seine deutsche Erstaufführung hier, der im September in Toronto Weltpremiere hatte. Toronto im September mag noch gehen, doch es ist auffallend, dass viele Filme ihre internationalen Premieren lange vor Lübeck hatten. Die Filmemacher und Produzenten orientieren sich nicht mehr nach Lübeck, sondern nach den größeren Festivals. Der letztjährige Gewinner Hjartasteinn / Herzstein lief in Venedig und Toronto, ehe er zu den Filmtagen kam, Hymyilevä mies / Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki war bereits in Cannes, München und Karlovy Vary zu sehen. In Cannes, Karlovy Vary und Toronto lief auch schon Rams / Sture Böcke, der das Festival 2015 eröffnete. Und Fúsi / Virgin Mountain, der Gewinner des Publikumspreises vor zwei Jahren, hatte seine Premiere bei der Berlinale – ganze neun Monate vor Lübeck.
Das skandinavische Kino hat in den vergangenen 15 Jahren enorm an Reputation gewonnen und ist für die Festivals weltweit immer interessanter geworden. Wechselseitig bedingt natürlich durch den Qualitätssprung, den die Filmwirtschaften in diesen Ländern genommen haben. Dementsprechend richten sich Produzenten bei der Fertigstellung ihrer Filme nach den Terminen jener Festivals mit großen Namen, Lübeck hat hier an Bedeutung fraglos verloren. Der Sieger der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes heißt The Square und kommt aus Schweden – in Lübeck wurde der Film gar nicht gezeigt.

II. Ich kann so nicht arbeiten

Einer der Gründe, warum Lübeck an Stellung verloren hat: Hinter Hamburg kennt die Filmtage schon kein Mensch mehr. 2017 standen 108 Pressevertreter auf der Akkreditiertenliste. Alleine 22 davon gehören jedoch zu dem internen Projekt „Junge Festival-Blogger“, mit dem Jugendliche an Film und die Filmtage herangeführt werden sollen. Das ist löblich, macht das Festival aber nicht gerade bekannter. Weitere 34 Presseakkreditierte kamen von regionalen Medien und/oder den Haus- und Hofberichterstattern vom NDR und den Lübecker Nachrichten. Der Großteil vom Rest stammte von lokalen und Spartenmedien, neuerdings tummeln sich auch ein paar Blogger darunter. Dass über die Filmtage gebloggt wird, ist zwar schön, hat aber bei Weitem nicht die Wirkung und Reichweite etablierter Publikationen (ich mache mir da auch nichts vor: diesen Text werden am Ende auch nur drei oder vier Leute, von denen ich weiß, dass sie sich für das Thema interessieren, von Anfang bis zum Ende lesen, er ist ja jetzt schon viel zu lang). Große überregionale Medien sucht man hingegen vergebens, einzig für die „epd Film“ war dieses Jahr mal wieder Bodo Schönfelder da. Oben zitierter Kollege Hamacher kommt hingegen schon seit Jahren nicht mehr. (Okay, das ist ein wenig unfair – Hamacher hat mittlerweile eine offizielle Position beim fast zeitgleich stattfindenden Filmfest Mannheim-Heidelberg, das beißt sich einfach. Bloß: Einen Ersatz für ihn hat der „Filmdienst“ auch nicht mehr geschickt.) Soll alles heißen: Lübeck ist eine Veranstaltung für Eingeweihte und Liebhaber. – Liebhaber ist gut, Eingeweihte nicht. Wo sind die Fachzeitschriften, wo die überregionalen Medien, wo die Berichterstatter aus dem Ausland? Insgesamt habe ich diesmal ganze sieben gezählt: vier aus Norwegen (darunter Per Haddal und Sigurd Moe Hetland, die im Grunde zum Inventar gehören), zwei aus Finnland und einen aus Schweden. Aus dem in den letzten Jahren prominent auf den Filmtagen vertretenen Island und dem nahen Dänemark kam kein einziger Journalist nach Lübeck. Aber warum auch? Unter den Bedingungen, die in Lübeck herrschen, kann man eigentlich nicht vernünftig arbeiten.

Pressevorführungen gibt es hier nur für den Eröffnungsfilm, die oben erwähnte Sichtungsmöglichkeit wurde abgeschafft (obwohl das mit  DVD und Streaming doch so viel einfacher geworden ist als zu Zeiten von VHS-Bändern). Wer ein Interview führen will, muss schauen, wo er einen ruhigen Platz dafür findet, – oder eine halbe Stunde ins offizielle Festivalhotel laufen. Zum Texte schreiben bleibt man am besten in seinem eigenen Hotel oder sucht sich ein Cafe mit offenem Internet, denn im Pressebüro gibt es gerade einmal zwei Arbeitsplätze – bei denen (zumindest im letzten Jahr noch) die Google- und Email-Einstellungen auf Autovervollständigung standen und die (zumindest die beiden Male, die ich dieses Jahr im Büro war) ohnehin von Filmtage-Moderatoren besetzt waren, die sich offensichtlich auf ihre Einführungsreden vorbereiteten. Oder einfach nur surften. Ohnehin versuche ich das Pressebüro zu meiden, seit mir eine Kollegin letztes Jahr erzählte, dass sie beim Betreten fast gestürzt wäre, weil die Jungen Festival-Blogger auf dem Boden saßen und Brotzeit machten.

Für Pressevertreter ist Lübeck eine Katastrophe. Ich sage das nicht aus eigener Empfindlichkeit, sondern weil es von ausnahmslos jedem Kollegen bestätigt wird, mit dem ich mich auf dem Festival unterhalte. Das ist gar nicht die Schuld der Mitarbeiter, die tatsächlich sehr schnell reagieren und immer hilfsbereit sind, wenn man sie direkt anspricht. Es ist eher eine Frage der grundsätzlichen Ausrichtung. Irgendwann hat man sich in Lübeck gesagt, dass man ein Publikumsfestival sein will. Das wird nach außen hin oft und gerne betont. Alleine hierzu sei schon angemerkt, dass letztlich doch jedes Filmfestival auch ein Publikumsfestival ist – von Cannes vielleicht mal abgesehen. Aber wenn man sich dem Publikum hinwendet, muss das doch nicht automatisch heißen, alles andere zu vernachlässigen. Am für die Arbeit hinderlichsten (und ärgerlichsten, weil es wirklich nicht sein müsste) ist jedoch die Unprofessionalität bei den Akkreditiertenkarten! Es gibt nur ein bestimmtes – kleines – Kontingent, wobei zwischen Fachbesuchern und Pressevertretern kein Unterschied gemacht wird. Blöd daher, dass zu den 108 Presseakkreditierten noch über 900 Fachbesucher und Filmschaffende kommen. Wenn man da ein Ticket haben will, muss man sich früh anstellen. Und mit früh meine ich nicht die von den Organisatoren empfohlenen 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn, sondern eher eine Stunde und 20 Minuten vor Beginn, wie am Freitag vor dem Screening zu Thelma. Diese Situation ist nicht nur lächerlich und logistisch nicht zu schaffen, sie ist für die Arbeit auch riskant. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Auftrag, über Thelma zu schreiben, kommen aber nicht in die Vorstellung und haben darüber hinaus keine andere Sichtungsmöglichkeit. Ihr Auftraggeber hat sicher vollstes Verständnis dafür, wenn Sie den Film deswegen nicht besprechen können! Und die Tatsache, dass eine Akkreditierung mit Gebühren in Höhe von 40 Euro verbunden ist, macht die Sache nicht besser. Könnten Sie dem höflichen, sichtbar an sich haltenden Fachbesucher, der offenbar eigens aus Oslo zu den Filmtagen angereist ist, erklären, warum er 40 Euro zahlen muss und nun bereits zum zweiten Mal an diesem Tag keinen Einlass zum Film seiner Wahl erhält? – Sehen Sie, der Kartenabreißer im Cinestar konnte es auch nicht. Mein Problem mittlerweile ist: Ich rege mich nicht mal mehr darüber auf. Ich nehme es mit einem gewissen Gleichmut hin. War halt immer so, wird halt immer so sein. Wenn ich als Pressevertreter im November vernünftige Arbeitsbedingungen haben will, muss ich halt nach Leipzig fahren.

Das Dilemma mit den Akkreditiertenkarten gibt es wie erwähnt schon lange, eine Diskussion darüber – die letztlich im Sande verlief und rein gar nichts bewirkt hat – entspann sich schon 2012 einmal. Damals beschwerten sich mehrere Kollegen, keinen Zugang zu Thomas Vinterbergs Film Jagten / Die Jagd bekommen zu haben. Christian Modersbach, seinerzeit gerade neu installierter Festival Manager, meinte daraufhin allen Ernstes, dass man einen Film wie Jagten als Journalist doch gar nicht auf den Filmtagen zu sehen bräuchte. Schließlich hatte man schon in den vergangenen Monaten genügend Zeit, ihn zu sehen, beispielsweise in Cannes. Und wenn man ihn noch nicht gesehen hat, gäbe es ja noch anderswo genügend Gelegenheiten, Jagten komme schließlich bundesweit in die Kinos, also kann man ihn bei PVs oder spätestens beim regulären Kinostart noch sichten. Abgesehen von der Respektlosigkeit gegenüber Journalisten, die in dieser Aussage liegt, könnte man das Argument natürlich ebenso gut aufs Publikum ausweiten: Ein Zuschauer muss sich einen Film wie Jagten doch nicht auf den Filmtagen anschauen, wenn er vier Monate später eh ins Kino kommt… Den Modersbach hatte ich jedenfalls schon gefressen, da war er noch gar nicht richtig in Lübeck angekommen. Seit 2017 gibt es mit Florian Vollmers übrigens einen neuen Festival Manager, der von Haus aus wesentlich mehr Sachverstand mitbringt. Zumindest hier ist ein wenig Licht am Ende des Tunnels auszumachen. Christian Modersbach wurde stattdessen zur überflüssigsten aller Sektionen abgeschoben, die ein Filmfestival nur haben kann: den Fernsehserien.

III. Die Retrospektive, die keine war

Von der überflüssigsten zu meiner Lieblingssektion. Die Retrospektive hat für mich immer einen sehr hohen Stellenwert eingenommen. Es gab Jahre, in denen ich hauptsächlich wegen der und für die Retro nach Lübeck gefahren bin. Ich gebe daher auch zu, dass ich aufgrund meiner persönlichen Interessen dieser Sektion gegenüber besonders kritisch eingestellt und nur schwer zufriedenzustellen bin. Seit 2009 wird die Retrospektive der Filmtage von Jörg Schöning kuratiert. Ich bin ihm seitdem mehrfach begegnet und erlebe ihn immer als sehr freundlichen und erfreulich offenen Gesprächspartner. Bei der Beurteilung einer Retrospektive gehört es aber nun mal dazu, die Personen von der Sache zu trennen.
Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle ein längeres Interview mit Schöning online gestellt. Ein paar Tage später sprach mich ein Kollege darauf an und äußerte seine Fassungslosigkeit über Schönings Aussage, biografische Retro-Programme hätten sich überlebt und würden nicht mehr angenommen, er bevorzuge dagegen offene Themen. Natürlich ist dieser Standpunkt empirisch nicht zu belegen und ich persönlich halte ihn auch für Quatsch, trotzdem habe ich grundsätzlich kein Problem mit dieser Einstellung, denn es ist nun mal Jörg Schönings gutes Recht, als Kurator eine Linie vorzugeben und sein Programm danach auszurichten.

In diesem Jahr hieß die Retro nun „Mit fremden Augen“ und handelte von Migration und Integration – wieder ein sehr offenes Thema, das, wie Schöning selbst in einem Begleittext ankündigte, von Einwanderungsgruppen des 19. Jahrhunderts bis hin zu politischen Flüchtlingen der 2000er Jahre alle Formen der Migration umfasste. Was mich fassungslos machte, war jedoch die Filmauswahl: 14 Langfilme, deren Produktionsjahre von 1981 bis 2017 reichten, alleine acht davon entstanden nach dem Jahr 2000. Das Medium Film ist 122 Jahre alt, und Lübeck veranstaltet eine Retrospektive, die eine Zeitspanne von 36 Jahren umfasst und die ersten 86 Jahre Filmgeschichte komplett außen vor lässt. Wohlgemerkt: Wir reden nicht von einem biografischen Programm, z.B. über einen Regisseur oder Schauspieler, dessen Schaffenszeit nur einige Dekaden dauerte, sondern über ein offenes Thema!
Ein Grund, warum Retrospektiven beliebt sind und man sich auf sie freut, ist die Möglichkeit, Filme zu entdecken oder wiederzuentdecken, bei denen man andernfalls gar nicht die Möglichkeit hat, sie zu sehen. Zu den Filmen, die dieses Jahr in Lübeck gezeigt wurden, zählten mit Le Havre und Die andere Seite der Hoffnung die beiden jüngsten Kaurismäki-Filme, die ohnehin via Streaming oder DVD problemlos zugänglich sind, Die andere Seite der Hoffnung ist gar erst vor einem halben Jahr offiziell im Kino gestartet.
Es gibt zwei Erklärungen für dieses Programm: Entweder existieren Filme, die älter sind als 1978 und inhaltlich zum Thema passen, die man aber versäumt hat, ins Programm aufzunehmen. Dann hat der Kurator seinen Job nicht richtig gemacht. Oder aber, es wurde gar nichts übersehen. Es gibt tatsächlich nur Filme ab 1981 und jünger, die sich mit der Migrations-Thematik in Skandinavien beschäftigen. Dann hat der Kurator seinen Job auch nicht richtig gemacht, denn dann hat er ein Thema gewählt, das als Retrospektive schlicht nicht funktioniert. Eine Retrospektive ist per Definition ein Rückblick. Für Die andere Seite der Hoffnung brauche ich nicht zurückzublicken, den kann man auch nächste Woche noch immer regulär im Kino sehen. So oder so – und unabhängig von der Qualität der gezeigten Einzelfilme und der erreichten Zuschauerzahlen – „Mit fremden Augen“ war der Bezeichnung Retrospektive unwürdig.

IV. Und wie geht es nun weiter?

Wenn die Liebe so stark erschüttert ist, hilft meistens nur eines: totaler Entzug. Die Filmtage 2018 werden ohne mich stattfinden, wir brauchen einfach etwas Abstand voneinander. Das tut besonders weh, da im kommenden Jahr das 60-jährige Jubiläum des Festivals ansteht. Doch ich bin wohl nicht allein: Kollegin A will nach Leipzig und Kollege B mag auch nicht mehr kommen, das Wettbewerbsprogramm hat für sein Medium zu sehr an Relevanz verloren.

Eigentlich hatte ich vor, meinen Text mit einer stilistischen Klammer zu beenden, so wie man das ja irgendwann mal gelernt hat. Also mit einem Fußballvergleich, wie ich ihn auch am Anfang gemacht habe. So was wie: „Stand heute komme ich 2018 nicht, aber wer weiß – egal wie schlecht mein Verein auch spielt, beim nächsten Heimspiel steh ich ja doch wieder in der Kurve.“ Denn natürlich kann ich mir noch gar nicht richtig vorstellen, Anfang November nicht in Lübeck zu sein. Dann jedoch kam eine Meldung heraus: Nächstes Jahr zum Geburtstag wird das Festival um einen Tag verlängert. Wie es heißt, um „den Sparten Dokumentarfilm und Retrospektive mehr Raum zu geben“. – Diesen Raum hatten die Filmtage doch. Sie haben sich nur entschieden, ihn an TV-Serien zu verschwenden!
So wird es also sechs Tage Lübeck geben, mit Option, diese Geburtstagserweiterung zur Regel zu machen. Immer mehr, mehr, mehr, damit man auch in den nächsten Jahren Rekorde vermelden kann. Von 172 gezeigten Filmen 2014 stieg die Zahl über 180 und 185 auf dieses Jahr bereits 195. Nächstes Jahr werden es dann erstmals über 200 sein. Noch mehr Masse statt Klasse. Ich bin da – soviel steht nun fest – definitiv und unumstößlich raus. Schade für meine Klammer. Ich werde die Filmtage aus der Entfernung beobachten, mich zwei- oder dreimal ärgern, nicht doch hingefahren zu sein, um am Ende jedoch wieder all die Fehlentwicklungen vor Augen haben, die meine Liebe zu den Filmtagen erschüttern. Zum nächsten Heimspiel von Mainz 05 werde ich gehen, aber am ersten Novemberwochenende 2018 habe ich frei.

3 Gedanken zu „Nordische Filmtage 2017 – eine Liebeskrise

  1. Du spricht mir da sehr aus dem Herzen, ich bin nun auch schon das zweite Jahr enttäuscht von dem Programm. Das beginnt bei der Retro und setzt sich bis ins Spielfilmprogramm fort. „You disappear“ wurde in Hamburg gezeigt, aber nicht in Lübeck. „Winter Brothers“ wurde bisher – meines Wissens – noch gar nicht in Deutschland gezeigt. Dabei werden beide Filme international durchaus wahrgenommen.

    1. Vielen Dank für Deinen Zuspruch. „Winter Brothers“ habe ich auch nicht verstanden. Natürlich wissen wir oft nicht, wie es hinter den Kulissen aussieht – ich kann mir vorstellen, dass die Filmtage „The Square“ schon gerne gehabt hätten (und sei es nur als Special), aber Herr Östlund es einfach nicht mehr für nötig befunden hat, ihn in Lübeck laufen zu lassen. Manchmal spielt sicher auch Politik und Strategie mit rein. Aber was mich dann wieder stört: Wenn nicht genug starke Filme eingereicht werden, dann mach ich doch lieber einen Wettbewerb mit 10 guten Filmen, anstatt immer 17 oder 18, von denen die Hälfte dann keine Qualität besitzt. (So könnte man im Übrigen auch Raum sparen und müsste nicht auf 6 Tage erweitern…)

  2. Lieber Jens Dehn, liebe Sonja Hartl, es tut sich immer viel hinter den Kulissen eines Festivals und man freut sich von organisatorischer Seite am meisten darüber, wenn man zunächst einmal direkt angesprochen wird, um alle Fragen, Sorgen und Nöte rund um Festivalbelange direkt zu klären. Herzliche Grüße, Silke Lehmann – Nordische Filmtage Lübeck

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