Retrospektiven – goEast Wiesbaden

Retrospektiven – goEast Wiesbaden

 

goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films findet seit 2001 jährlich Ende April in Wiesbaden statt. Die Zuschauerzahlen des rund eine Woche dauernden Festivals bewegen sich um die 12.000. Neben dem Wettbewerb, in dem Spiel- und Dokumentarfilme konkurrieren, gehören auch ein filmhistorisches Symposium sowie im Wechsel eine Hommage bzw. ein Portrait zum Programm.

Während der Ausgabe 2017 habe ich Leiterin Gaby Babić zu den retrospektiven Sektionen ihres Festivals interviewt.
Babić hat die Leitung von goEast in diesem Sommer nach sieben Jahren abgegeben.

goEast hat mehrere Retrospektiven, ohne diese so zu nennen. Wie kam es zu dieser Konstruktion?

Unsere Retrospektive teilt sich auf in Symposium und Hommage respektive Portrait. Hommage und Portrait haben wir bisher alternierend gehandhabt. Ein Jahr eine alte Meisterin/ein alter Meister, jemand mit einem Oeuvre, das schon über mehrere Dekaden geht, und im Folgejahr eine Person, die erst über etwa 10 bis 20 Jahre aktiv ist. Bei der wir verfolgen und begleiten, was diese Person bereits gemacht hat. Also auch schon eine Retrospektive, denn wie wir wissen, kann Filmgeschichte sehr jung sein. Und dann gibt es eben noch das Symposium, zu dem wir auch immer eine Konferenz veranstalten, Experten zu Vorträgen und Diskussionen einladen, was ja auch nicht bei jeder Retro der Fall ist. Und das Symposium arbeitet mehr thematisch.
Ich habe das als Festivalleiterin als Konstrukt übernommen, aber auch gar nicht verändern wollen, weil es komplementär sehr gut funktioniert. Dieses Jahr haben wir im Symposium Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa, und parallel dazu in der Hommage noch die Ungarin Márta Mészáros, anhand derer das Thema noch weiter vertieft wird. Das funktioniert hier bei goEast sehr gut. Das bedeutet aber nicht, dass das bei anderen Festivals auch so funktionieren würde.

Gaby Babić (Bild © Bozica Babić)

Durch diese Fächerung nehme ich die retrospektiven Betrachtungen bei goEast im Grunde als zweite Hauptsektion wahr neben dem Wettbewerb.

Ich sehe das auch so. Am liebsten würde ich immer fifty-fifty machen, also 50 % Gegenwartsfilm und 50 % Filmgeschichte, wir zeigen ja selbst in der Specials-Sektion filmhistorische Sachen. Und in den thematischen Sektionen wie dem Symposium gehen wir oft quer durch die Filmgeschichte bis zum Heute. Für mich ist das sehr organisch und mit einer gewissen Ironie kann man sagen, dass wir auf diese Weise eine Art Quote für die Filmgeschichte verfolgen.

Wie weit im Voraus planen Sie die Retrospektiven der kommenden Jahre?

Wenn wir gut sind, steht das Thema im Juli, aber es kommt auch vor, dass es mit der Detailplanung erst im September/Oktober losgeht. Die genaue Programmierung hat dann aber noch Spiel, das hat dann noch Zeit bis etwa drei Monate vor dem Festival.

Auf welche Probleme treffen Sie oft bei der Programmierung eines Programms, z.B. Leihkosten, Untertitelung etc.? Wie gehen Sie damit um?

Alles im Zusammenspiel. Wir würden z.B. gerne alles deutsch untertiteln, zusätzlich zum Englischen. Das können wir uns finanziell nicht leisten. Auch nicht, Filme simultan einsprechen zu lassen, was ja z.B. Cottbus sehr konsequent macht, die haben da Gelder. Die Kopienrecherche ist auch immer ein Thema – wenn man sich zwischen drei suboptimalen Optionen entscheiden muss und so rumjongliert. Dann muss man manchmal Untertitel machen ohne Dialogliste, was sehr teuer ist, weil man transkribieren muss. Dann ist es bei einer Sprache wie Ungarisch natürlich schwieriger, jemanden zu finden, wie etwa bei Russisch. Man muss Leute haben, die im Kino live untertiteln. Und die Technik. Das ist halt alles nicht so einfach wie DCPs zu haben, die entschlüsselt sind und die man einfach hochlädt und aufs Knöpfchen drückt. Und es wird auch immer komplexer, weil man auch mal andere Formate benutzen muss wie DigiBeta oder eine DVD oder MP4 – das machen wir zwar nicht, aber es wäre auch ein Notfallplan. Aber das alles kommt vor, wenn es darum geht, die Filme zeigen zu können, weil sie im Kontext halt auch wichtig sind.

Wie viel Prozent machen die Retro-Programme im Budget aus?

Das hab ich jetzt nicht überschlagen, aber in Relation zum Rest ist es kein Löwenanteil. Wir haben ja auch noch Projekte mit Nachwuchsförderung. Wenn ich es grob abschätze, vielleicht 20–30 %, aber das ist jetzt wirklich ohne jede Gewähr.

Es wird in den letzten Jahren viel über die Erhaltung des Filmerbes gesprochen, meist im Zusammenhang mit der Konservierung und dem organischen Zerfall des Materials. Welche Rolle kann eine Retrospektive hier spielen bzgl. der Zugänglichkeit?

Ich denke, es spielt auf jeden Fall eine Rolle. Als Spielorte gewinnen Festivals zunehmend an Bedeutung. Es ist ja tatsächlich so, wie Lars Henrik Gass so schön beschrieben hat: diese Migration des Kinos ins Festival. (Babić spricht hier Gass’ Text „Film und Kunst nach dem Kino“ aus dem Jahr 2012 an. Gass kritisiert darin den immer kürzer werdenden Zeitraum, in dem ein Kinofilm tatsächlich im Kino zu sehen ist. Stattdessen erfolgt immer schneller eine Auswertung auf digitalen Medien und Streaming-Plattformen, was letztendlich auch Form und Struktur von Filmen beeinflusst. Da zudem immer mehr Filme, die auf Festivals und Filmmärkten vorgestellt werden, gar keinen regulären Kinostart mehr bekommen, vertritt Gass den Standpunkt, dass in Zukunft die Festivals selbst als Auswertungs- und Abspielort eine größere Bedeutung bekommen werden. /JD) Genauso ist es teilweise mit der Funktion von Kinematheken. Wir übernehmen da gerne eine aktive Rolle und sehen uns auch in der Verantwortung, aber es wird halt echt immer schwieriger z.B. die Qualität der analogen Projektion aufrechtzuerhalten. Da spielen so viele Faktoren mit rein: woher kriegt man gute Kopien? Beherrschen die Vorführer ihr Handwerk noch, sodass die Maschinen gewartet sind, dass man Spultische hat? Das ist schon alles sehr gefährdet. Selbst bei uns, die wir ja in der glücklichen Lage sind, mit dem Caligari und dem Murnau-Filmtheater gleich zwei Kinos zu haben, die Archivkopien abspielen können. Wir könnten es uns ganz sicher einfacher machen, wenn es darum ging, leichtere Organisatorische Prozesse zu haben und trotzdem genug Filme zu zeigen. Aber es ist ja eine andere Mission, der wir folgen und an die wir auch glauben. – Das kriegt ja fast was Religiöses gerade, wenn ich mich so reden höre.

Sie sprechen den Aspekt des Materials an. Ich habe schon in Retrospektiven gesessen, da wurde der Film in der deutschen Synchronfassung von einer BluRay abgespielt. Wäre das bei Ihnen auch denkbar?

Was Sie beschreiben, ist eigentlich ein Unding. Das wäre die Not-Not-Notlösung, wenn wir z.B. den Film eingeplant haben und irgendetwas geht wie auch immer schief, sodass die Kopie nicht bei uns ankommt. Und dann sitzt aber das Publikum da und wartet auf den Film. Dann hätte ich das als Rettungsplan zu entscheiden und dann würde das auch so anmoderiert. Aber eigentlich ist es ein No-Go. Was weniger schlimm ist, aber hin und wieder vorkommt, ist dass man einen Film auf DCP bestellt, das dann aber nicht zu entschlüsseln ist. Und eine analoge Kopie war sowieso nicht zu bekommen. Wenn wir dann eine DVD da haben, dann zeigen wir die DVD anstelle der DCP. Das sind noch so Kompromisse, die man manchmal machen muss. Aber das, was Sie geschildert haben, ist noch mal ne Spur schlimmer. Synchronisierte Filme sind das, was uns mit am meisten wehtut.

Versuchen Sie bei einer Hommage, dem Aspekt der Vollständigkeit gerecht zu werden?

Nein, das geht nicht. Wir haben ja keine 50 Slots. Wir haben 10-15 maximal, für mehr haben wir die Kapazitäten nicht, auf allen Ebenen: Kinos, Geld, Personal. Wäre auch sinnlos in Wiesbaden. Es gibt so eine natürliche Größe, die lässt sich nicht verschieben. Wir können uns in Wiesbaden auch nicht vornehmen, ein internationales A-Festival aus dem Boden zu stampfen. Selbst wenn wir das Geld hätten. Das hat auch organische Faktoren. Daher wäre es absurd, wenn wir Vollständigkeit anstreben würden.

Aus Ihrer praktischen Erfahrung: Welche Rolle spielen die Retrospektiven für die allgemeine (internationale) Reputation des Festivals?

Ich glaube, so wie wir es bei goEast machen, hat es eher eine nationale Reputation. Das ist komplex, ich denke international ist das, was wir im Wettbewerb machen, für den mittel- und osteuropäischen Film wichtiger. Und die Zielgruppen für die retrospektiven Sektionen sind bei uns ein bisschen anders gelagert. Ich glaube schon, dass es total wichtig ist für unsere Festivalidentität und mir ist es wie gesagt auch sehr zentral, aber ich weiß nicht, ob das jetzt der Faktor ist, der uns bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen aus Mittel- und Osteuropa, die mit uns zu tun haben, zu so einem renommierten Festival macht. Es spielt sicherlich mit rein, aber ich würde es nicht als den dominanten Faktor betrachten.

Wie ist die Zuschauerresonanz in Ihren Retros in den letzten Jahren, sowohl bzgl. absoluter Zahlen als auch Feedback?

Das ist sehr unterschiedlich. Letztes Jahr hätte ich gedacht, dass das Krimi-Thema, das wir hatten, besser funktioniert. Weil das Genre in Film und Literatur in Deutschland ja sehr beliebt ist. Da dachte ich, dass es auch ein Interesse am kriminalen Kinospielfilm aus unseren Ländern gibt. Aber das war dann gar nicht so. Offensichtlich interessiert man sich dann doch nur für den nationalen Krimi und die Skandinavier vielleicht noch. Aber so eine Sache wie die Geschichte von Lenfilm, was Barbara Wurm und Olaf Möller 2012 kuratiert hatten, das war so etwas Spezielles, das hatte sich dann in einer bestimmten cineastischen oder Archivszene auch herumgesprochen, das funktionierte dann erstaunlich gut. Da hätte ich eher gedacht, dieses sowjetrussische bzw. jetzt russische Studio Lenfilm ist so speziell, selbst für Leute, die sich in Deutschland mit Film beschäftigen, das wird Nische bleiben. Aber manchmal ist anscheinend gerade Nische gut. Und dieses Jahr wird das feministische Thema sehr gut angenommen, viel besser als Krimi letztes Jahr.

Wie wichtig sind Begleitpublikationen, auch hinsichtlich Nachhaltigkeit? In Ihrem Fall würde es sich ja anbieten, z.B. die Symposiumsbeiträge zu verschriftlichen.

Wir haben das ja schon gemacht. Zwar nur zwei Mal, aber ich hoffe, dass es nun mit den Filmemacherinnen wieder klappen wird. Der verstorbene Hans Joachim Schlegel war der Gründer und Ideengeber des Symposiums, und beim ersten Symposium zum Surrealismus hat er einen Sammelband herausgegeben, das lief zusammen mit dem Deutschen Filminstitut. Dann haben wir 2015 die Nouvelle Vague Polonaise? herausgegeben, den Sammelband zum Autorenkino der 60er und 70er Jahre in Polen. Und im Katalog publizieren wir ja auch schon einen Text, der manchmal wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, meistens ist er essayistisch. Aber es ist immer sehr viel Stoff drin und nicht nur eine kurze Intro.

Bei der Vorbereitung einer Retro haben Sie als Leiterin sicher das letzte Wort, aber mit wem besprechen Sie sich in der Planung?

Viele Leute, die uns kennen und gerne was mit uns machen würden, kommen auf uns zu und machen Vorschläge. Aber es hat sich schon herauskristallisiert, dass ich mit einem bestimmten Zirkel zu den Entscheidungen finde. Aus dieser Gruppe heraus kommen Ideen, die wir verwirklichen. Aber konzeptionell bin ich nur am Rande da, gebe meinen Senf dazu, berate und treffe irgendwann eine Entscheidung, die sonst keiner treffen kann, weil ich ja auch die Verantwortung trage. Aber ich kriege auch viele Ideen und Angebote, die ich gar nicht alle machen kann. Ich würde es nicht so konzipieren, dass jedes Jahr jemand ganz anderes was ganz Neues macht. Das macht für uns keinen Sinn.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Gaby Babić übernimmt ab Januar 2018 die Ko-Leitung der Kinothek Asta Nielsen in Frankfurt. Die Kinothek hat das Ziel, „der Filmarbeit von Frauen und der Filmen inhärenten Politik der Geschlechterverhältnisse einen öffentlichen Raum der Wahrnehmung, Reflexion und Diskussion“ zu geben. Mit der Gründerin Karola Gramann und Heide Schlüpmann entwickelt und bereitet sie die FrankfurterFrauenFilmTage vor, deren erste Ausgabe für November 2018 geplant ist.

Babićs Nachfolgerin in der Leitung von goEast ist seit Oktober 2017 die Niederländerin Heleen Gerritsen.

 

Die Symposien von goEast der vergangenen Jahre:

2017 – Feministisch wider Willen – Regisseurinnen aus Mittel- und Osteuropa

2016 – Der mittel- und osteuropäische Kriminalfilm

2015 – Artur Brauners osteuropäische Koproduktionen

2014 – Die polnische Nouvelle Vague

2013 – Die jugoslawische Nouvelle Vague

2012 – Die Geschichte des russischen Studios Lenfilm

2011 – Die filmische Reflexion des erstarkenden Rechtsextremismus in Osteuropa

 

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