Kampen om tungtvannet (T. Vibe-Müller, 1948)

Geschichten, die zur Zeit der deutschen Besatzung spielen und die Auflehnung und den Widerstand der einheimischen Bevölkerung zum Thema haben, waren in den ersten 20 Jahren nach Kriegsende überaus beliebt in Norwegen. In vielen dieser Filme steht die Untergrundbewegung als Ersatzfamilie, die Schutz und Unterstützung bedeutet. Die in Norwegen nach dem Krieg vorherrschende (idealisierte) Vorstellung einer großen norwegischen Gemeinschaft erhielt dank der sogenannten Okkupationsdramen Nachdruck, die somit zur Bildung dieses nationalen Mythos einen wesentlichen Beitrag leisteten. Ein erzählerischer Schwerpunkt wurde früh auf die spannende und abenteuerliche Seite des Widerstandskampfes gelegt und die Hauptfiguren zunehmend heroisiert. Es wurde Wert auf Authentizität gelegt und die Erlebnisse realer Personen zum Vorbild genommen, die in den Filmen häufig Gastauftritte erhielten oder sich gar selbst spielten. Vorbild für diese Heldengeschichten wurde die norwegisch-französische Gemeinschaftsproduktion Kampen om tungtvannet (The Battle for Heavy Water / La Bataille de l’eau lourde), die Titus Vibe-Müller zusammen mit dem Franzosen Jean Dréville 1947/48 inszenierte.

Kampen om tungtvannet war ursprünglich als reiner Dokumentarfilm gedacht, bevor sich die Vorstellungen der Produzenten zu einem Spielfilm neigten. Nachdem die französische Produktionsgesellschaft Le Trident in das Projekt einstieg, entwickelte sich die Struktur des Films zu einer Kombination aus Dokumentar- und Spielfilm. Vorbild war offensichtlich, wie alleine schon am französischen Titel ersichtlich wird, René Cléments 1946 entstandener Film La Bataille du rail, der von Sabotageaktionen des französischen Widerstandes in der Normandie handelt. Cléments Film war auch in Norwegen ein großer Erfolg gewesen und weist mehrere Parallelen zu Kampen om tungtvannet auf. Beide Filme gelten in ihren Herkunftsländern als Höhepunkte der Mythologisierung des Widerstandskampfes.

Vibe-Müller und Dréville schildern die Sabotageaktionen der Untergrundbewegung gegen die Norsk Hydro Fabrik in Nordnorwegen, die u.a. schweres Wasser (Deuteriumoxyd) herstellte, das die Deutschen für ihre Entwicklung der Atombombe benötigten. Im Februar 1943 springen Mitglieder der Widerstandsgruppe Kompani Linge mit Fallschirmen über dem Hardangerplateau ab und sprengen die Produktionsanlage. Ein Jahr später gelingt es zwei Mitgliedern der Gruppe nochmals, ein Schiff der Deutschen im Tinnsee in der Finnmark zu versenken, das neu produziertes Schwerwasser nach Deutschland transportieren sollte. Eine Einblendung zu Beginn des Films weist darauf hin, dass es sich hier um die Rekonstruktion tatsächlicher Ereignisse handelt und die meisten Personen sich selbst darstellen (eine weitere Parallele zu Cléments Film, in dem die tatsächlichen Saboteure sich ebenfalls selbst spielen). Zudem arbeitete einer der Saboteure an Jean Marins Drehbuch mit. Einen weiteren Verweis auf die Authentizität der Handlung stellt Vibe-Müller durch den ungewöhnlichen Gebrauch eines Kommentars her, der der Handlung erklärend folgt. Hinzu kommt die Montage von Landkarten und Animationen sowie echten Dokumentaraufnahmen aus der Zeit des Krieges. Derartige Dokumentarstücke wurden auch schon in den zuvor entstandenen Filmen Vi vil leve und To liv gebraucht, aber Kampen om tungtvannet geht viel weiter und gebraucht das Dokumentarmaterial systematisch. Zusammen mit der Authentizität der Personen sollen die fleißig eingebauten Dokumentarbilder eine Garantie für den Wahrheitsgehalt des Films darstellen.

Das Bemühen um die korrekte Wiedergabe der Ereignisse ist dem Film anzusehen. Neben den zentralen Sabotageakten wird viel Wert auf die Vorbereitung und alltägliche Arbeit gelegt. So wird etwa der richtige Umgang mit der Sprengladung wird detailliert erklärt, und es wird ausführlich gezeigt, wie sich die Widerstandskämpfer im Gebirge verstecken, warten, frieren, angeln und Rentiere jagen. Das alles geht zu Lasten einer stringenten, klar aufgebauten Dramaturgie und wirkt in manchen Momenten redundant, ist jedoch der Priorität geschuldet, die realen Geschehnisse so wahrheitsgetreu wie möglich wiederzugeben. Viele Okkupationsdramen der folgenden Jahre orientierten sich an Kampen om tungtvannet, u.a. Soweit die Kräfte reichen / Ni liv (1957) von Arne Skouen und In solch einer Nacht / I slik en natt von Sigval Maartmann-Moe (1958). Alle diese Filme handeln vorwiegend von Gruppen bzw. einer Gemeinschaft, die einen heroischen Kampf gegen die Besatzungsmacht bestreiten. Im Zentrum der Geschichten stehen Figuren, die nur noch selten mit inneren Gewissenskonflikten zu kämpfen haben. Neben den deutschen Okkupanten tritt vielmehr die Natur als weiterer, äußerer Feind in Erscheinung. Es ist ein Zeichen des norwegischen Patriotismus, dass es die Protagonisten in Kampen om tungtvannet und Ni liv in erster Linie „typisch norwegischen“ Attributen wie ihrem skifahrerischen Können oder ihrer Zähigkeit, den Naturkräften zu trotzen, verdanken, dass sie sich den deutschen Besatzern ein ums andere mal als überlegen erweisen können.

Kampen om tungtvannet erhielt 1965 mit Kennwort „Schweres Wasser“ / The Heroes of Telemark ein – inoffizielles – Hollywood-Remake unter der Regie von Anthony Mann, das verglichen mit dem norwegisch-französischen Original nur eine banale Abenteuergeschichte erzählt. Aktuell erneut aufgegriffen wurde das Thema 2015 für die sechsteilige Fernsehserie Saboteure im Eis, die in norwegisch-britischer Koproduktion entstand und im Januar 2018 in der ARD erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird.