Einführung INGEBORG HOLM, 9.04.2018, Caligari Filmbühne Wiesbaden

Einführung INGEBORG HOLM, 9.04.2018, Caligari Filmbühne Wiesbaden


Am 9. April 2018 durfte ich im Caligari-Kino in Wiesbaden eine Einführung und Einordnung zu Sjöströms „Ingeborg Holm“ geben, der anschließend in der Reihe „Stummfilm mit Live-Musik“ mit schwedischen ZT und englischen UT gezeigt und von Uwe Oberg am Piano begleitet wurde.

Es gab eine kurze Phase von Mitte bis Ende der 1910er Jahre, während der Schwedens Filmproduktion führend in der Welt war. Dies beruhte vor allem auf den Arbeiten zweier Regisseure: Mauritz Stiller auf der einen Seite und Victor Sjöström auf der anderen. Ingeborg Holm entstand unter der Regie Sjöströms und steht ganz am Anfang dieser Hochphase.

Victor Sjöström ist heute vor allem für zwei Filme bekannt: Der Fuhrmann des Todes von 1921 ist sein bekanntester Stummfilm, der auch heute noch regelmäßig in Schweden und auch außerhalb gezeigt wird. Es war sein letzter Film, den er in Schweden drehte, ehe er für einige Jahre in die USA ging. Da Mauritz Stiller bereits zuvor nach Hollywood emigrierte, wird der Fuhrmann des Todes im Allgemeinen als letzter Film des sogenannten „Goldenen Zeitalters“ des schwedischen Stummfilms betrachtet. Noch stärker in Erinnerung sein als für diesen Film dürfte Sjöström heute jedoch für Wilde Erdbeeren, einen Film von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1957, für den Sjöström nach Jahren, in denen er sich eigentlich schon zurückgezogen hatte, noch einmal vor die Kamera zurückkehrte und die Hauptrolle des alten Professors spielt.

Sjöström kam ursprünglich vom Theater, dort begann er in jungen Jahren bereits als Schauspieler, wenig später übernahm er auch die Bühnenregie. Das Theater war auch der Ort, an dem Sjöström erstmals mit Ingeborg Holm in Berührung kam: Der Stoff beruht auf einem Theaterstück von Nils Krok, geschrieben 1906, das Sjöström 1907 auf die Bühne brachte – damals allerdings ohne großen Erfolg. 1912 schrieb Krok selbst sein Stück zu einem Drehbuch um und gab es Sjöström, der jedoch kein großes Interesse an einer Verfilmung hatte und es für einige Monate in der Schublade verschwinden ließ.

Zu dieser Zeit hatte das Filmstudio einen Vertrag mit Hilda Borgström abgeschlossen. Borgström war damals eine der berühmtesten Schauspielerinnen Schwedens und ein Star am Königlich Dramatischen Theater in Stockholm. Der Vertrag war nicht so aufgestellt, wie man es später aus Hollywood-Studios kannte, bei denen Schauspieler für eine bestimmte Anzahl von Filmen verpflichtet wurden. Stattdessen war er auf Zeit ausgelegt: Er lief genau so lange, bis die neue Theatersaison anfing. Bis dahin waren im Frühsommer 1913 aber noch ein paar Wochen Zeit. Borgström wollte gerne noch einen Film drehen, Sjöström und der Produzent stimmten dem natürlich bei, doch das einzige, das man nicht hatte, war ein Drehbuch. Sjöström ging alle Skripte, Ideen und Fragmente durch und holte schließlich Ingeborg Holm heraus, das im Grunde fertig zum Dreh war. Er überarbeitete es noch einmal in 2 oder 3 Tagen, und dann konnte der Film realisiert werden.

Wie erwähnt, basiert Ingeborg Holm ursprünglich auf einem Theaterstück von Nils Krok. Krok war kein gelernter Autor, sondern eigentlich Lehrer in Helsingborg. Er war sozial engagiert und um die Jahrhundertwende Mitglied des Vorstandes der Armenfürsorge. Im Rahmen dieser Aufgabe waren ihm einige Missstände im Sozialsystem und v.a. in der Armenfürsorge aufgefallen. Der Fall einer jungen Witwe berührte ihn besonders, die unverschuldet in Not geraten war, ihre Wohnung nicht halten konnte, ins Armenhaus musste und schließlich ihre Kinder verlor, die in Pflegefamilien vermittelt wurden. – Wenn Sie den Film gleich sehen, werden Sie feststellen, dass das exakt die Geschichte von Ingeborg Holm ist. Aus Entrüstung darüber, dass so etwas in Schweden möglich ist, schrieb er sein Theaterstück und prangerte damit das Rechtssystem an.

Victor Sjöström nahm diese Kritik am System in seiner Verfilmung auf. Ingeborg Holm wurde einer der ersten Filme mit einem sozialen Anspruch, der eine politische Aussage enthielt. 1913 ist filmgeschichtlich noch ein sehr früher Zeitpunkt, zu dem das Kino nach wie vor v.a. als anspruchslose Freizeitbeschäftigung betrachtet wurde, im Öffentlichen Ansehen noch immer seinen Ursprüngen als Jahrmarktsattraktion verhaftet. Das überwiegende Gros der damaligen Filme diente der einfachen Unterhaltung: Kriminalfilme, Komödien, Zirkusfilme, gemacht für ein als eher unanspruchsvoll angesehenes Publikum. Bemühungen, auch für Zuschauer aus gebildeteren Klassen interessant zu werden, setzten erst langsam ein – unter anderem durch das Engagement etablierter Theaterakteure wie Hilda Borgström. Alleine die Geschichte, die Ingeborg Holm erzählte, hob den Film daher aus der Masse heraus und machte ihn zu etwas Besonderem.

Bei der Umsetzung der Geschichte legte Sjöström sehr großen Wert auf Genauigkeit und Authentizität. Er wollte dem Publikum genau aufzeigen, unter welchen Umständen die Menschen in den Armen- bzw. Arbeitshäusern leben und wie „einfach“ es manchmal ist, in eine derart prekäre Situation selbst hineinzugeraten. Das Arbeitshaus, in das Ingeborg Holm gehen muss, ist den realen Arbeitshäusern des frühen 20. Jahrhunderts nachgestellt. Um 1900 gab es in Schweden neben Armenhäusern auch die sogenannten Arbeitshäuser. Die Menschen lebten an diesen Orten ohne Privatsphäre auf engstem Raum miteinander. Sie mussten physisch arbeiten, um der Gesellschaft das zurückzugeben, was die Gesellschaft ihnen zur Verfügung stellt. Im Film verrichtet Ingeborg dementsprechend Arbeiten, um ein Dach über dem Kopf zu haben und ein Bett zum Schlafen. Arbeitshäuser waren für alle Arten von Menschen, die Hilfe brauchten, sowohl ältere Menschen, Menschen, die unter verschiedenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen litten, als auch solche, die finanzielle Unterstützung benötigten. Diese Unterschiede werden im Film durch verschiedene Charaktere dargestellt. Ingeborg arbeitete mit einer alkoholsüchtigen Frau zusammen, sie selbst wurde arm aufgrund des Todes ihres Mannes und eines eigenen Geschwürs. Auch ist der große Schlafsaal zu sehen, in dem die Menschen in Einzelbetten dicht an dicht schlafen.

Ingeborg Holm war 1913 der größte Kassenerfolg in Schweden. Kein anderer Film erreichte zuvor eine solche mediale Aufmerksamkeit. Es war das erste Mal, dass ein Film zu politischen und gesellschaftlichen Diskussionen führte und letztlich auch tatsächlich etwas bewirkt hat, nämlich eine Änderung der Sozialgesetze. Dazu muss man sagen, dass diese Änderung der im Film dargestellten Verhältnisse bereits 1907 angeregt wurde, also lange bevor der Film entstand. Allerdings lief die schwedische Bürokratie äußerst langsam, sodass die neuen Gesetze erst 1918 realisiert wurden. Darin verabschiedet wurde dann auch ein nationaler Rentenplan, was als ein erster Schritt in Richtung des modernen schwedischen Wohlfahrtsstaates betrachtet werden kann. Wie groß der Anteil von Ingeborg Holm an diesen Änderungen war, lässt sich im Detail natürlich nicht genau sagen, aber es ist bekannt, dass Mitglieder der schwedischen Wohlfahrtsverbände und der speziell für diese Gesetze eingesetzten Kommission den Film gesehen und auch in ihren Überlegungen berücksichtigt haben. Ingeborg Holm ist also in der Tat eines der wenigen Beispiele, in denen Spielfilme gesellschaftliche Veränderungen bewirkt haben. So war es Behörden anschließend nicht mehr so einfach möglich wie im Film geschildert, Kinder von ihren Eltern zu trennen.

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