Retrospektiven – Nippon Connection

Retrospektiven – Nippon Connection


Nippon Connection hat sich in den vergangenen Jahren von einer studentischen Initiative zu einem der wichtigsten Festivals für den japanischen Film in Europa entwickelt. Marion Klomfass hat das Festival mitbegründet und steht ihm mittlerweile als Leiterin vor. Seit 2003 gehört die Retrospektive zum Programm von Nippon Connection. Thema der Retro 2018 ist „ELEGANCE & BLOODSHED – Japanische Schwertkampffilme der 1960er Jahre“.

Aus terminlichen Gründen und da wir beide zu unterschiedlichen Zeiten erkrankt waren, fand unser Interview per Email-Austausch statt.

Sie sind von Beginn an bei Nippon Connection und eine der InitiatorInnen des Festivals. Nicht jedes Festival bietet eine Retrospektive an – seit wann gibt es die Sektion bei Ihnen und gab es auch Überlegungen, darauf zu verzichten aufgrund des Aufwands, der bei Retro-Programmierungen immer sehr hoch ist?

Die Sektion „Nippon Retro“ gibt es seit dem 3. Nippon Connection Filmfestival, das im Jahr 2003 stattgefunden hat. Die Retrospektive stand schon einige Male auf der Kippe, aber nicht aufgrund des Aufwands, sondern aufgrund der Kosten. Wir müssen immer abwägen, ob ein interessantes Thema bzw. eine Werkschau finanziell realisierbar ist, da die Aufführungsgebühren und Transportkosten oft sehr hoch sind. Seit dem Jahr 2014 veranstalten wir die Retrospektive in Kooperation mit der Japan Foundation, die erfreulicherweise die Transportkosten der Filmkopien aus ihrem Archiv übernehmen.

Wie finden Sie das Thema für eine kommende Retrospektive und wie weit im Voraus planen Sie die Retrospektiven der kommenden Jahre?

Dank unseres großen Netzwerks innerhalb der japanischen Filmszene stoßen wir ständig auf interessante Themen und Regisseure. Innerhalb des Filmteams diskutieren wir dann, welchen Schwerpunkt wir beim nächsten Festival realisieren wollen. Die konkrete Planung beginnt meistens erst ein Jahr im Voraus.

Bevorzugen Sie ein offenes oder geschlossenes Thema?

Da wir nur 8 bis 9 Filme in der Retrospektive zeigen können, bevorzugen wir geschlossene Themen.

Streben Sie bei einer Retro Vollständigkeit an? (V.a. bei Retros über Personen – bei einem offenerem Thema ist das Feld ja meist ohnehin zu groß…)

Eine komplette Werkschau oder einen vollständigen Überblick über ein Thema können wir leider nicht leisten.

Bei Nippon Connection lief die Retrospektive in den vergangenen Jahren immer im Kino des Filmmuseums und somit etwas abseits des Festivalzentrums. Wie kam es dazu und wie zufrieden sind Sie mit dieser Entscheidung?

Das Filmmuseum ist für uns der ideale Ort für die Retro. Hier kann man noch Filme auf 35mm und 16mm zeigen und es gibt bereits ein Publikum, das an historischem Kino interessiert ist. Wir sind sehr froh über die langjährige, gute Zusammenarbeit.

Wie ist die Zuschauerresonanz in Ihren Retros in den letzten Jahren?

Die erfolgreichste Retro mit den meisten Besuchern war 2016 „Ghosts and Demons – Scary Tales from Japan“. Die Retros mit der größten Aufmerksamkeit von Presse und Fachbesuchern waren in den letzten Jahren die Retros zu den Regisseuren Ko Nakahira (2014) und Shinji Somai (2015), da viele Filme vorher noch nicht in Deutschland zu sehen waren.

Retrospektive, Hommage, Werkschau – sind das nur verschiedene Namen für das Gleiche oder sehen Sie hierin Unterschiede per Definition?

Schwierige Frage, aber im Grunde sehe ich keinen Unterschied.

Es wird in den letzten Jahren viel über die Erhaltung des Filmerbes gesprochen, meist im Zusammenhang mit der Konservierung und dem organischen Zerfall des Materials. Welche Rolle kann eine Retrospektive hier spielen bzgl. der Zugänglichkeit?

Es gibt in Deutschland nur noch wenige Orte, wo Filme in ihrem ursprünglichen 35mm- oder 16mm-Format gezeigt werden können. Wir möchten den Zuschauern die Möglichkeit eines analogen Kinoerlebnisses bieten. Natürlich begrüßen wir die Digitalisierung und Restaurierung historischer Filme, aber wenn wir noch eine gut erhaltene Original-Filmkopie besorgen können, bevorzugen wir dieses Format für unsere Retrospektive. Leider werden bisher auch nur sehr wenige japanische Filme digitalisiert. Unser knappes Budget erlaubt es auch nicht, selber Filme zu restaurieren. Ein großes Problem stellt momentan die Erhaltung von 8mm-Filmen und alten Videoformaten dar, mit denen Independent-Regisseure v.a. in den 1980er und 1990er Jahren gearbeitet haben. Einige Filme sind leider bereits für immer verloren, da das Material zerstört ist oder der Film aus Kostengründen nicht archiviert wurde.

Auf welche Probleme treffen Sie bei der Programmierung eines Programms (z.B. Leihkosten, UT etc.)? Wie gehen Sie damit um?

Die Aufführungskosten von Filmen von großen Studios sind oft übertrieben teuer und genauso hoch wie von einem aktuellen Film. 1000 – 2000 € für eine Vorstellung können wir uns nicht leisten. Es ist wirklich schade, wenn wir auf eine Aufführung aufgrund der hohen Gebühren verzichten müssen. Wenn es keine Kopie mit Untertiteln gibt, wir den Film aber unbedingt zeigen möchten, untertiteln wir auch mal einen Film selbst. Das ist natürlich sehr zeitintensiv und nur bei 1-2 Filmen möglich. Sehr frustrierend ist es auch, wenn man den aktuellen Rechteinhaber nicht herausfindet. Da viele kleine Firmen in Japan im Laufe der letzten Jahrzehnte Pleite gegangen sind, ist die Rechtelage oft sehr kompliziert.

Inwieweit sind Sie bereit, bei der Programmierung einer Retro Kompromisse einzugehen und z.B. eine Blu-ray-Projektion zu zeigen anstelle von 35 mm bzw. DCP?

Wenn es einen für die Retro wichtigen Film nur noch auf Blu-ray oder DVD gibt, zeigen wir auch diese Formate. Z.B. der erste Film von Sion Sono, der auf 8mm gedreht wurde, war nur noch auf DVD verfügbar.

Wie viel Prozent macht die Retrospektive im Gesamtbudget aus?

Die Kosten für die Retro machen nur einen kleinen Teil des Gesamtbudgets aus. Die allgemeinen Organisationskosten für ein Filmfestival sind um einiges höher als die Kosten für das Filmprogramm.

Aus Ihrer praktischen Erfahrung: Welche Rolle spielen die Retrospektiven für die allgemeine (internationale) Reputation des Festivals?

Die meisten Filme unserer Retro bekommt man nur sehr selten auf Leinwand zu sehen. Daher kommen auch viele internationale Fachbesucher zu unserem Festival, was für unser Renommee nicht unwichtig ist. Wir sehen außerdem die Retrospektive immer auch in Bezug auf unser aktuelles Filmprogramm und möchten aufzeigen, welchen Einfluss die japanische Filmgeschichte auf die Regisseure von heute hat. Viele japanische Filmemacher sind sehr an unserer Retrospektive interessiert.

Gab es bei Nippon Connection schon mal eine Begleitpublikation zur Retro? Wie waren die Erfahrungen damit (bzw. falls nein – warum nicht und planen Sie etwas für die Zukunft?)

Aus zeitlichen und finanziellen Gründen haben wir bisher keine eigene Begleitpublikation herausgebracht. In unserem Programmheft gibt es immer eine Einführung zum Thema und ausführliche Filmbeschreibungen.

Findet eine (regelmäßige) Berichterstattung über die Nippon Connection-Retrospektiven in den (lokalen wie überregionalen) Medien statt?

Die lokale und überregionale Presseberichterstattung über unser Festival ist allgemein sehr umfangreich. Aber je nach Thema wird über die Retro mal mehr oder weniger ausführlich berichtet.

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Die Retrospektiven von Nippon Connection der vergangenen Jahre:

2017 – ECSTASY & DESIRE – In the Realm of Roman Porno
2016 – GHOSTS & DEMONS – Scary Tales from Japan
2015 – LUMINOUS AND VIBRANT – The Cinema of Shinji Somai
2014 – KO NAKAHIRA – The Wild Child of the Sixties
2013 – ECCENTRIC AND EXPLOSIVE – The Cinema of Sogo Ishii

© Beitragsbild: Nippon Connection

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