Benshi-Performance von Ichiro Kataoka

Benshi-Performance von Ichiro Kataoka

Was für ein wundervolles Konzert- und Theatererlebnis war das im Studio 1 des Mousonturms. Weniger ein Filmerlebnis, obgleich die Veranstaltung ja im Rahmen des Nippon Connection Filmfestivals in Frankfurt gezeigt wurde. Doch dazu später mehr.

Angekündigt war eine Benshi-Performance. Gezeigt wurde der Stummfilm Kurama Tengu von Teppei Yamaguchi aus dem Jahr 1928, in Live-Begleitung dreier japanischer Musiker – rechts der Leinwand platziert – und von Ichiro Kataoka, des Benshi, laut Programmheft in der Heimat einer der bekanntesten Vertreter seiner Zunft, der den Musikern gegenüber links der Leinwand saß. Der Benshi ist im klassischen japanischen Stummfilm eine Art Erzähler. Weniger Zwischentitel erklärten damals in den einheimischen Filmen das Geschehen auf der Leinwand als vielmehr der Benshi, der sowohl als neutraler Narrator eingreifen als auch die Dialoge der Personen sprechen konnte. Er schlüpfte dabei in die Rollen sämtlicher Figuren, legte also gleichermaßen den männlichen wie den weiblichen Charakteren die Worte in den Mund. Da Zwischentitel wie gesagt spärlich eingesetzt wurden (bzw. man sie bei ausländischen Filmen ohnehin nicht verstand), unterlag der Benshi nicht vielen Vorgaben, er nahm sich stattdessen oft interpretatorische Freiheiten, die so weit gehen konnten, dass die eigentliche Aussage des Films durch die Erzählung des Benshis in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Für das japanische Publikum der 1910er und 1920er Jahre war das selbstverständlich, denn Film und Benshi gehörten untrennbar zusammen. Manchmal kamen die Menschen nicht wegen des Films ins Kino, sondern wegen des Erzählers. Ein Benshi konnte so etwas wie ein Star sein. „Die Beliebtheit eines Benshi beruhte nicht zuletzt auf seiner Fähigkeit, bei jeder Vorstellung desselben Films eine andere Geschichte zu erzählen, etwa einmal eine erotischere und ein anderes Mal eine sensationellere. Dieses Talent war entscheidend für den Geschäftsgang eines Kinos, wenn mittelmäßige Filme liefen. Ein Benshi konnte langweilige Filme spannend machen; akkurate Treue zum Film galt keineswegs als eine Tugend.“ (Komatsu, Hiroshi, Loden, Frances: Meister des stummen Bildes: Die Position des Benshi im japanischen Kino. In: Kintop 5. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films. Frankfurt 1996, S. 107-108)

Meine Neugierde und Vorfreude auf die Performance von Ichiro Kataoka war also groß. Kurama Tengu war angekündigt als DVD-Projektion mit japanischen Zwischentiteln und deutschen Untertiteln. Ich hatte mich daher eigentlich darauf eingestellt, lediglich direkte Übersetzungen der japanischen ZT ins Deutsche zu sehen und den japanischen Text des Benshis gar nicht zu verstehen. Meine Konzentration sollte also der Gestik, Mimik und Intonation des Erzählers gelten. Tatsächlich wurde aber schnell deutlich, dass die deutschen Untertitel mit der Erzählung des Benshis einhergingen. Kataoka hielt sich also offensichtlich an einen Text, den er vorab niederschrieb und nun rezitierte, während die japanischen Zwischentitel für den deutschen Zuschauer nicht übersetzt wurden. Das war überraschend (da ich eine freiere Rede des Benshis erwartet hatte), aber in der Umsetzung konsequent – die japanischen Zwischentitel braucht das Publikum ohnehin nicht, es hat ja die ausführliche Erzählung des Benshis. Und so wurde für ein nicht-japanisches Publikum nachvollziehbar, was der Benshi erzählt.

Der Haken an der Sache war allerdings die Location. Nippon Connection entstand Ende der 1990er Jahre auf Initiative einiger Studenten und hat sich in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Festivals für den japanischen Film in Europa entwickelt. Die erste Festivalausgabe im April 2000 fand im Studierendenhaus der Goethe-Universität in Frankfurt-Bockenheim statt. Mittlerweile zählt Nippon Connection jährlich an die 16.000 Besucher. Ein Grund, warum das Festival nie zu meinen Lieblingen gezählt hat, war zum einen der Hype, der kurz nach der Jahrtausendwene ums ostasiatische Kino gemacht wurde, und der mir immer zu aufgesetzt war – dafür kann das Festival freilich nichts. Ein anderer Grund ist, dass die Abspielstätten zum Teil recht grenzwärtig waren und sind. Zur 18. Festivalausgabe in diesem Jahr bildet das Künstlerhaus Mousonturm wieder das Festivalzentrum, zusammen mit der Naxoshalle. Beides Gebäude ohne Lichtspielhaus-Architektur. Die Benshi-Performance fand im Studio 1 des Mousonturms statt. Acht Stuhlreihen, ebenerdig hintereinander angeordnet, ohne jegliches Gefälle. Mit anderen Worten: Reihe 1 und 2 hatten eine gute Sicht auf den Benshi, die Musikgruppe und die Leinwand. Danach war es dem Publikum nicht mehr möglich, die Untertitel zu lesen, die Sicht auf Ichiro Kataoka und die Musiker war ebenfalls sehr eingeschränkt. Zum Film Kurama Tengu selbst kann ich daher kaum etwas sagen – ich konnte die Untertitel ja nicht lesen. Es geht wohl um einen guten Samurai und einen bösen. Eine schöne Frau, die aber recht unsympathisch ist, ein Kind, dessen sich der gute Samurai angenommen hat, Verwechslung, Verrat, Rache – nichts besonderes also. Filmisch beeindruckend sind die exzessiven und aufwendig durchchoreografierten Schwertkampfszenen, deren Dynamik für einen Film von 1928 bemerkenswert ist. Dass ich der Filmhandlung nur bedingt folgen konnte, war an sich kein Drama. Doch dass ein Großteil der Zuschauer nicht in der Lage war, einen Blick auf den Benshi zu werfen, ist ein Jammer, schließlich sind sie für ihn gekommen und haben für eine ausverkaufte Vorstellung gesorgt. Kurama Tengu wurde als Sondervorstellung an die diesjährige Retrospektive „ELEGANCE & BLOODSHED – Japanische Schwertkampffilme der 1960er Jahre“ angedockt. Die Filme der Retro laufen nicht im Festivalzentrum, sondern im Kino des Deutschen Filmmuseums. Hier wäre auch der einzig angemessene Spielort für Kurama Tengu gewesen: in einem Kino mit Gefälle im Zuschauerraum, in dem auch die hinterste Reihe noch gute Sicht zur Leinwand hat, und in dem es auch bessere akustische Voraussetzungen für die Musiker gegeben hätte. (Der Einlass erfolgte mit 20-minütiger Verspätung, da es „technische Probleme“ gab, weshalb das Publikum bei rund 30 Grad im stickigen Foyer vor der Eingangstür ausharren musste.) Das Festival hat sich mit Spielstätten wie dem Mousonturm sicherlich den Charme seiner studentischen Ursprünge bewahrt – für die Filme und erst Recht Künstler wie Ichiro Kataoka sind solche Abspielorte jedoch unwürdig.

Der Benshi selbst hat sich von diesem Ärgernis nicht beeinflussen lassen. Ich hatte das Glück, durch einen Wald von Köpfen vor mir zumindest auf ihn einen guten Blick zu haben – und mehr war dann auch gar nicht nötig, um die Vorstellung in höchstem Maß genießen zu können: Ichiro Kataoka interpretierte mit großem Verve das Geschehen auf der Leinwand, immer auch zu den Zuschauern interagierend und sie in seine Erzählung einbeziehend. Es war ein großes Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er seine Stimmlage veränderte und an die jeweiligen Charaktere anpasste, wie er auch die Mimik der Schauspieler imitierte und unterstützend zur Handlung gestikulierte. Seine Vorstellung ließ mich spielend nachvollziehen, welche Bedeutung der Benshi in früheren Zeiten bei Filmvorführungen hatte: „Stimme und Körperbewegung vereinigen sich zu einer Wirkung auf verschiedenen sinnlichen Ebenen. Mit seiner Stimme schuf der Benshi für den Zuschauer die ganzheitliche Präsenz des Filmbildes.“ (Komatsu, Loden, S. 113) Wunderbar abgestimmt war dabei auch Kataokas Zusammenspiel mit den drei Musikern (Ayumi Kamiya am Klavier, Masayoshi Tanaka an der Trommel und Yasumi Miyazawa spielte die Shamisen, ein traditionelles japanisches Saiteninstrument), die ihn und den Film einfühlsam begleiteten. Man muss es den Organisatoren von Nippon Connection hoch anrechnen, dass sie Künstler wie Kataoka nach Frankfurt bringen – wie es generell erstaunlich ist, was für ein umfangreiches Rahmenprogramm hier Jahr für Jahr auf die Beine gestellt wird, um dem Publikum nicht nur japanische Filme, sondern auch japanische Kultur näherzubringen. Der Auftritt Ichiro Kataokas und der drei Musiker deckte beides ab. Es war eine begeisternde Live-Performance einer im Grunde vergangenen und vergessenen Kunst, die jedoch einen würdigeren Rahmen verdient gehabt hätte.

Back to Top